Wie wir Politikerinnen wurden

Frauen und Männer sind in der Bundesrepublik Deutschland in allen Lebensbereichen gleichberechtigt. Das Grundgesetz verpflichtet seit 1994 den Staat sogar dazu, auf die Beseitigung aller geschlechtsspezifischen Nachteile hinzuwirken. Dennoch hatten es Frauen nicht leicht, sich im öffentlichen Leben und in der Politik ihre Handlungsspielräume zu erobern. Deshalb wollten wir sie kennenlernen: die ersten Kommunalpolitikerinnen, Gewerkschafterinnen und (gesellschafts-)politisch aktiven Migrantinnen.

Wir haben die Zeitzeuginnen gefragt:
Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?
Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?
Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?
Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Viele der kontaktierten Frauen haben uns geantwortet, manche stehen auch für Interviews und Erzählcafés zur Verfügung. Eine Kontaktaufnahme ist möglich über frauenwahlrecht@remove-this.sm.bwl.de.

„Die mangelnde Heranziehung von Frauen zu öffentlichen Ämtern und ihre geringe Beteiligung in den Parlamenten ist doch schlicht Verfassungsbruch in Permanenz.“

Elisabeth Selbert (1896-1986)

Angela Hidding

geb. 1947 in Kirchhellen bei Bottrop (Nordrhein-Westfalen), ehemalige Betriebsrätin bei Daimler-Benz, Mannheim

Informationen zur Biografie

1980 – 2004 Betriebsrätin bei Benz Mannheim
Seit 1984 Delegierte der IG Metall Mannheim
Seit 1984 Verantwortliche des Arbeitskreises „Solidarität mit brasilianischen Gewerkschaften“ im DGB Mannheim
Mitglied im Eine-Welt-Forum Mannheim und Mitglied im Seniorenarbeitskreis der IG Metall Mannheim

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Schon in der Ausbildung als Einzelhandelskauffrau (1962) habe ich Ungerechtigkeiten erlebt. Statt Qualifizierung sollten wir viele Putzarbeiten erledigen, wogegen wir uns erfolgreich gewehrt haben. Mir wurde im Arbeitsleben immer bewusster, dass ich Rechte und eine Würde habe und diese möglichst im Kollektiv einfordern muss. So wurde der Betrieb für mich ein wichtiger Ort der Auseinandersetzung und dabei konnte mich das gewerkschaftliche Engagement unterstützen. Ich wollte nicht nur über Ungerechtigkeiten schimpfen und sie analysieren, sondern mich einbringen und mitgestalten. Da ich lange in einem internationalen Konzern gearbeitet habe, wurde mir die Auswirkung der Globalisierung immer bewusster, auch wie mit der Androhung der Auslagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland uns das Kapital zu Konkurrenten unserer KollegInnen machen will.
So habe ich begonnen, mit KollegInnen in verschiedenen Ländern Kontakt aufzunehmen, insbesondere mit Brasilien. Der Aufbau von Solidarität war und ist für mich eine wichtige Form des Widerstandes gegen das gegenseitige Ausspielen durch das Kapital.
Auch die überbetriebliche Zusammenarbeit gegen den Arbeitsplatzabbau ist mir sehr wichtig. Ich habe mich nicht einer Partei angeschlossen, sondern engagiere mich in verschiedenen sozialen Bewegungen, insbesondere im Eine-Welt-Forum. Zentral ist die Erkenntnis, dass man nur gemeinsam durch Reflexion und Engagement die Gesellschaft national und international gerechter und menschlicher machen kann. Dazu benötigen wir eine ökologische, soziale und demokratische Gesellschaft. Ich habe erfahren, dass politisches Engagement auch Freude machen kann und mein Selbstbewusstsein gestärkt hat.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Wir Frauen waren im Betrieb eine Minderheit und ich fühlte mich deshalb besonders den Kolleginnen verpflichtet. Wir bekamen zwar den gleichen Lohn, aber nicht den Zugang zu höherwertigen Tätigkeiten. Wichtig war uns der Kampf für das Rückkehrrecht auf Vollzeit nach der Familienpause und anschließender befristeter Teilzeit. Auch haben wir uns mit Erfolg für einen Betriebskindergarten eingesetzt, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. Als Frauen war uns wichtig, unsere spezifischen Probleme und Themen zu benennen, sie durch kollektive und phantasievolle Aktionen und Ideen zu lösen, u.a. in der Kabarettgruppe „Rote Disteln“, in der ich Mitglied war.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Das Wahlrecht ist für mich fundamental und ich nehme es für mich auch immer in Anspruch. Aber es ist mir wichtig, mich auch darüber hinaus einzubringen und die Möglichkeiten der Demokratie zu nutzen.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Da die Frauen besonders durch zunehmende prekäre Arbeitsverhältnisse betroffen sind, sollten sie sich verstärkt einsetzen für ein Normalarbeitsverhältnis. Die gesetzlichen Rente muss gestärkt werden, da Frauen aufgrund ihrer Arbeitsbiographie oft weniger als die Männer bekommen. Eigene Beiträge entwickeln für einen nachhaltigen Lebensstil, der die Voraussetzung für ein gutes Leben auch für die künftige Generation ermöglicht. Ursachen für Ungerechtigkeiten in der globalisierten Welt erkennen und Initiativen für eine gerechtere, menschlichere Struktur entwickeln und versuchen, sie mit anderen Menschen durchzusetzen.


Waltraut Lumpp

geb. 1940, in Reutlingen aufgewachsen, lebt heute in Baiersbronn, erste Frau im Gemeinderat Wannweil

Informationen zur Biografie

1968   Gründerin der „Unabhängige Wählergemeinschaft“ in Wannweil; ihre Liste erhält die höchste Stimmenzahl; Waltraut  Lumpp wird als erste Frau in den Gemeinderat Wannweil gewählt
1970   Gründung des „Freundeskreises fröhliches Alter“
1971   Wahl in den Kreistag mit der zweithöchsten Stimmenzahl im Landkreis (Hospitantin auf der CDU-Liste)
1975   erneut Wahl in den Gemeinderat (Kandidatur auf der CDU-Liste, Stimmenkönigin); mit ihr ziehen zwei weitere Frauen in den Rat ein;
Waltraut Lumpp wird erste Kreisaltenpflegerin in Baden-Württemberg und legt ihr Mandat im Kreistag nieder
Mitglied in der EURAG (Bund der älteren Generation Europas mit Sitz in der UNO); Antragstellerin für das Weltjahr der älteren Generation (wurde 1999 durchgeführt)
1980   Austritt aus der CDU, Wegzug aus Wannweil
1999-2018   ehrenamtliche Fürsprecherin für psychisch kranke Menschen und deren Angehörige im Landkreis Freudenstadt

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Ich hatte einerseits begonnen, mir Gedanken über Altenarbeit zu machen, nachdem ich gesehen hatte, dass sich die Strukturen im Dorf veränderten und viele Ältere „heimatlos“ geworden waren, keine Orte mehr hatten. Und ich habe mich auch sehr um Gastarbeiterkinder und deren Familien gekümmert. Ein Arzt und ein alter Schulrektor am Ort haben mich dann auf eine Kandidatur angesprochen, weil sie meinten, ich sei prädestiniert für die Arbeit im Gemeinderat. Ursprünglich war Mehrheitswahl vorgesehen. Nachdem aber eine zweite Liste eingereicht wurde, musste ich, wollte ich gewählt werden, auch eine Liste einreichen, was ich dann auch in buchstäblich allerletzter Minute geschafft habe. Meine Liste erreichte die höchste Stimmenzahl..

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

In der ersten Zeit habe ich Geringschätzung erfahren, doch dann kamen Respekt und Wertschätzung. Man durfte sich nicht kleinkriegen lassen, musste halt auch ein bestimmtes Selbstbewusstsein haben. Aber das kann ich ja auch nur haben, wenn ich auch weiß, das und das will ich. Ich war hartnäckig und hatte den Willen, etwas durchzusetzen.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Lange Zeit hat mir das nichts bedeutet, ich bin ja erst vor 50 Jahren „aufgewacht“. Da ist vielleicht durch die 68er-Generation, das behaupte ich jetzt einfach mal, der Fokus auch auf die Frau gelenkt worden. Ich erinnere mich noch an Zeitungsanzeigen „Mein Bauch gehört mir“, wo es dann auch um die Abtreibungsgesetze ging usw. Und dann kam ja auch die Alice Schwarzer auf mit ihrer Zeitung EMMA. Ich wurde dann immer gefragt, ob ich eine Alice Schwarzer bin, aber von ihr distanzierte ich mich, weil ich meine Welt anders gesehen habe und anders strukturiert hatte, nicht so verbissen auf „Frau“, sondern sachbezogen. Sachbezogene Themen, die eine Frau dann eben besser versteht oder wahrnimmt als ein Mann, dementsprechend besser argumentieren kann.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Heute wird die Gleichberechtigung gelebt, wer sich engagieren möchte, steht nur noch bedingt Ressentiments gegenüber. Frauen haben sich durchgesetzt, das sieht man in vielen Berufen, ob die Frau jetzt Pilotin ist oder Kapitänin, auch im Ingenieurswesen haben sie ihren Raum. Ich denke, nötig sind Taten statt Worte: Zuhören, mitdenken, handeln. Ich möchte hier den Sozialtheologen Gustav Werner aus Reutlingen zitieren: „Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert.“ Das war auch für mich immer der Leitspruch.


Ute Christa Maria Hommel

geb. 1947 in Nürnberg, ehemalige Stadträtin in Aalen

Informationen zur Biografie

1972 Eintritt in die SPD
1994 – 2012 Jahre Stadträtin der Stadt Aalen, zuletzt stellvertr. Fraktionsvorsitzende
10 Jahre lang Vorsitzende der Ortsvereins Aalen der SPD

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Ich habe mich schon als Schülerin für Politik und Zeitgeschehen interessiert, habe die Politikseite der Nachrichten gelesen und mich auch für die Hintergründe der aktuellen Ereignisse interessiert. Die Aufbruchsstimmung unter Willy Brandt hat mich 1972 bewogen, in die SPD einzutreten und mich aktiv einzubringen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Ich muss sagen, dass ich niemals schlechte Erfahrungen machte, nie reduziert wurde auf sog. „Frauenthemen“. Als Grund kann ich mir zumindest in der Anfangszeit erklären, dass ich immer Mitglied einer starken und solidarischen Gruppe war, entweder der AsF (Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen) oder der Jusos (Jungsozialisten in der SPD). Wir hätten uns Diskriminierungen nicht gefallen lassen.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Ich habe großen Respekt vor den Vorkämpferinnen, die sich für die Rechte der Frauen unter oftmals sehr schwierigen Bedingungen einsetzten. Daher ist es mir sehr wichtig, dass Frauen ihre Rechte auch stets wahrnehmen.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Bessere Bezahlung der sog. Frauenberufe und damit auch höhere Renten. Eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung. Die Frauen sollen sich so sicher sein, dass ihr Kind gut betreut wird, wie es die Männer sind, die ihre Kinder bei ihren Ehefrauen bestens aufgehoben wissen.


Sybille Stamm

geb. 1945 in Flensburg, ehemalige hauptamtliche Gewerkschafterin in verschiedenen Funktionen, u.a. Landesbezirksleiterin ver.di Baden-Württemberg

Informationen zur Biografie

Politikwissenschaftlerin
seit 1973 hauptamtliche Gewerkschafterin (DGB Hessen, IG Metall Nürnberg, IG Metall BaWü, IG Medien
Leiterin der Tarifabteilung, dann Landesvorsitzende in Baden-Württemberg,
2000 – 2007 Landesbezirksleiterin der Gewerkschaft ver.di in Baden-Württemberg
1998 – 2008 Mitglied im Staatsgerichtshof Baden-Württemberg

Was hat Sie bewogen, sich politisch und gewerkschaftlich zu engagieren?

An der deutsch-dänischen Grenze geboren, schloss ich mich mit 16 Jahren der JEF, den Jungen Europäischen Föderalisten an, gründete an meinem Flensburger Mädchengymnasium einen PAS (Politischer Arbeitskreis an Schulen), ein Projekt der Landeszentrale für politische Bildung in Schleswig-Holstein. Das waren die ersten politischen Schritte.
Entscheidend war für mich die 68-er Bewegung an der Uni und die ehrenamtliche IG Metall-Jugendbildungsarbeit in München.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Gewerkschaft gemacht?

Mein feministisches Leben in Baden-Württemberg begann 1980: Ich war die erste weibliche Gewerkschaftssekretärin in der kämpferischen Bezirksleitung der IG Metall neben 158 Männern. Kein leichtes Brot. Arbeitsschwerpunkte Frauen-, Technologie- und Tarifpolitik. Es war die Zeit der Kämpfe um die 35-Stunden-Woche und um die „Frauenförderung“. Wir Frauen spielten im Arbeitskampf eine wichtige Rolle. Mit unserer Losung „…mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen“ kam eine neue Melodie in den Streik und unser Rap „Wir wollen 5 Stunden mehr für Liebe und Verkehr“ gefiel durchaus nicht allen Metallern.
2000 mit der verdi-Gründung und nach einer schönen kleinen Karriere bei der IG Medien wurde ich Landesbezirksleiterin von verdi – auch nicht ganz einfach. Frau, bekennende Feministin, Akademikerin…

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Ich begrüße die breite Initiative 100 Jahre Frauenwahlrecht. Mein großer Wunsch: Wann können die Jungs in den Parteien sich endlich für ein demokratisches Landtagswahlrecht – auch bei uns in Baden-Württemberg mit 2 Stimmen und gegenderten Parteilisten entscheiden. Nur wenn man sie unter Druck setzt. Der Frauenanteil im Landtag ist beschämend niedrig!

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Mein Wunsch auch an die jungen Frauen in Baden-Württemberg: Schluss mit den Platzhirschen – kämpfen wir für ein neues Landtagswahlrecht!


Ulrike Meier-Liehl

geb. 1945 in Varel, Kreis Oldenburg, ehemalige Gemeinderätin in Offenburg

Informationen zur Biografie

Dezember 1984 bis Dezember 1989 Gemeinderätin in Offenburg (Partei Die Grünen)
Derzeit Engagement bei Pulse of Europe und „zu-flucht“, einer privaten Initiative für Geflüchtete

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Ich war schon früh interessiert an Politik. Das hat zuallererst zu tun mit der Nazivergangenheit Deutschlands, die mich sehr beschäftigt hat. Aktiv wurde ich dann aber erst mit der Studentenbewegung 1967/68, parteipolitisch aktiv später bei den Grünen, denen ich 1982 beitrat.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Ich habe unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Bei politischen Fragen im Berufs- bzw. im Privatleben wurde ich häufig verhältnismäßig feindselig angegangen, etwa wenn es mir um die Benutzung der weiblichen Sprache ging oder auch nur darum, mit „Frau“ angesprochen zu werden, auch wenn ich noch keine 30 Jahre alt war. Im Gemeinderat dagegen waren meine Erfahrungen durchwegs positiv. Ich war von 1984 bis 1989 im Offenburger Gemeinderat. Diese Zeit war für mich allgemein in hohem Maße „frauenbewegt“. Frauen aller Fraktionen haben parteiübergreifend zusammen gearbeitet und manches erreicht.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

100 Jahre Frauenwahlrecht bedeutet für mich in allererster Linie, dass es viel zu lange gedauert hat, bis es von den Frauen erstritten wurde! Es macht mich immer noch zornig, dass es nicht von Anbeginn an eine Selbstverständlichkeit war. Nun aber gibt es mir die Chance, mitzuhelfen, die Gesellschaft, in der ich lebe, „weiblich“ zu gestalten. Damit meine ich: Fokus auf Frieden, soziale Gerechtigkeit, Bildung für alle. Das Frauenwahlrecht hat die Tür geöffnet für das politische Engagement auch der Frauen. Ohne das sähe die Welt heute vermutlich noch weniger gut aus.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Für junge Frauen gilt es, das Errungene zu bewahren und darauf aufzubauen. Noch immer ist die Gleichberechtigung im Berufsleben nicht erreicht. Es gilt zu sehen, dass der berufliche Erfolg nicht nur von der einzelnen Frau selber abhängt, sondern mindestens ebenso von den gesellschaftlichen Gegebenheiten. Diese müssen für Frauen im Berufsleben weiter verbessert werden.
Frauensolidarität sollte auch für junge Frauen wichtig sein.


Steffi Müller

geb. 1944 in Klettwitz (Niederlausitz), ehemalige Stadträtin in Heidenheim

Informationen zur Biografie

Lehrerin, zunächst in Hamburg, dann in Heidenheim
1975 – 2001 Stadträtin in Heidenheim (SPD)

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Von 1968 bis 1971 lebte ich in Schleswig-Holstein und arbeitete in Hamburg. In der Stadt lernte ich kennen, was Toleranz ist. Dann kam ich nach Baden-Württemberg. Das war mit Verlaub ein Kulturschock. Als Lehrerin hatte ich in Hamburg ca. 25 Kinder im Klassenraum. An meiner Schule hatte jedes Klassenzimmer einen Gruppenraum. Dann kam ich nach Heidenheim. Hier gab es 40 bis knapp 50 Kinder im Klassenzimmer. Das war mit ausschlaggebend für mein Engagement.
Als ich 1975 in Heidenheim in den Stadtrat kam, war ich schon fünf Jahre in der SPD, hatte einen günstigen Listenplatz, wurde also gewählt und dachte: „Jetzt wird hier alles anders.“ Ebenfalls glaubte ich, dass ich nach fünf Jahren mein Mandat abgeben müsse, weil Wechsel gut sei. Nach fünf Jahren wusste ich aber erst, wie alles läuft. Viel habe ich gelernt über unseren Staat, dass Sachverhalte oft diffiziler sind, als sie scheinen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Anfänglich hatte ich oft das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Das zeigte sich bei der Besetzung der Ausschüsse. Das änderte sich jedoch im Lauf der Zeit. Ich erhielt viel Unterstützung für Projekte, die ich außerhalb des Gemeinderats mitbegründete. Z. B. gründete ich in den 1970er Jahren in Heidenheim mit Unterstützung von Freunden eine Deutsch-Polnische Gesellschaft. Wir veranstalteten Ausstellungen, Begegnungen, Vorträge (einmal war sogar Herr Bartoczewski, der nach 1990 polnischer Außenminister wurde, hier zum Vortrag). Eine Zeit lang, insgesamt 7 Jahre, war ich auch Ortsvereinsvorsitzende der SPD.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Das alles hätte ich nicht tun können, wenn nicht vor mehr als 100 Jahren für das aktive und passive Wahlrecht gekämpft worden wäre.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Für junge Frauen ist dieses Wahlrecht selbstverständlich. Politisches Engagement hat in dieser Gesellschaft abgenommen. Das mag nicht allein Interesselosigkeit sein. Mein Eindruck ist, dass die jungen Leute heute mehr und intensiver arbeiten müssen. Das lässt nicht viel Zeit für Nebenberufliches.


Rita Fromm

geb. 1944 in Josephshof (Kreis Schlochau, Westpreußen), lebt in Karlsruhe, ehemalige Stadträtin in Karlsruhe 1989 – 2014, MdB 1980 - 1983, 1990 Gründungsmitglied der Bundesvereinigung Liberale Frauen

Informationen zur Biografie

1978 – 2014    Zahlreiche parteipolitische Ämter in der FDP auf Kommunal-, Regional- und Landesebene
1980 – 1983    Mitglied des Deutschen Bundestages (FDP)
1989 – 2014    Stadträtin im Karlsruher Gemeinderat (FDP)
2009 – 2014    Fraktionsvorsitzende im Karlsruher Gemeinderat
2014               Verleihung der Ehrenmedaille der Stadt Karlsruhe
1990               Gründungsmitglied der Bundesvereinigung Liberale Frauen
1999               Landesvereinigung Liberale Frauen Baden-Württemberg, langjähriges Vorstandsmitglied
2000               Mitbegründerin und langjährige Vorsitzende der Liberalen Frauen Mittelbaden
2002               Mitbegründerin und langjähriges Vorstandsmitglied des deutsch-französischen FrauenNetzWerkes FemmesPaminaFrauen (Pamina ist die Abkürzung für den Eurodistrikt PaMiNa: Pa = Palatinat/Südpfalz, Mi = Mittelbaden, Na = Nord Alsace)

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Von der Frauenbewegung der 1970er Jahre beeinflusst und dem Slogan folgend „Das Private ist politisch“, trat ich 1977 – nach unserem Umzug von Berlin nach Karlsruhe – in die FDP ein.  Schon in Berlin nahm ich häufig als Parteilose an Sitzungen des FDP-Arbeitskreises Emanzipation teil.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Gute. In den Sitzungen des Orts- und Kreisverbands der FDP merkte ich, dass meine Redebeiträge Gehör fanden, ich zur Gremienmitarbeit und Mitarbeit am Kommunalwahlprogramm 1979 ermuntert und unterstützt wurde. So z. B. in meiner Forderung eines Autonomen Frauenhauses für Karlsruhe. Mit zwei weiteren Frauen erarbeitete ich die konzeptionelle Grundlage, die von der Karlsruher FDP-Gemeinderatsfraktion übernommen, mit der Konzeption der SPD zusammengebracht, dem Gemeinderat zur Abstimmung vorgelegt und mit knapper Mehrheit 1981 beschlossen wurde. Dadurch und Jahre später als Mitglied des Karlsruher Gemeinderates von 1989 bis 2014 erlebte ich, dass erfolgreiche Politik sich Mehrheiten suchen muss und die Fähigkeit zu überparteilicher Zusammenarbeit mit Frauen verlässlich und sachorientiert war.
Positiv auch meine Erfahrungen als Mitglied im Deutschen Bundestag von 1980 bis 1983. Gestützt durch das Vertrauen der Fraktionsführung konnte ich auch hier u.a. meine frauenpolitischen Vorstellungen in die Fraktionsarbeit einfließen lassen.
Bedauert habe ich, dass ich in Ausschüssen des Bundestages (Sportausschuss, Innerdeutsches) das einzige weibliche Mitglied war.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Sehr viel. Endlich wurden Frauen Staatsbürgerinnen. Am 19. Januar 1919 durften sie in Deutschland zum ersten Mal wählen: die Deutsche Nationalversammlung. Dieses urdemokratische Recht war ihnen jahrzehntelang verwehrt geblieben. In den 1840er Jahren forderte Louise Otto-Peters bereits die „Teilnahme der Frauen an den Interessen des Staates“ und Hedwig Dohm 1876 in ihrem Essay „Der Frauen Natur und Recht“ die politische Teilhabe. Sie musste hart erkämpft werden und in keinem Parlament ist der Frauen- und Männeranteil gleich.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Die hart erkämpften Frauenrechte sind Menschenrechte; sie sind zu sichern und darüber hinaus offensiv in der Gesellschaft, Arbeitswelt und Politik als Selbstverständlichkeit zu vertreten und einzufordern. Denn „Politik wird in jedem Fall gemacht, wenn wir Frauen sie so durchgeführt sehen wollen, wie wir sie für richtig halten, müssen wir mitmachen; sonst wird sie mit uns Politik gemacht." (Zitat meiner Karlsruher Parteifreundin Luise Riegger (1887-1985)
Insbesondere in den Führungsetagen der Wirtschaft  (z.B. Dax-Unternehmen) ist eine Parität in weiter Ferne. Die Selbstverpflichtung der Unternehmen ist gescheitert. Deshalb sollten sich junge Frauen heute nicht mehr vertrösten lassen, sondern eine Quote fordern.


Renate Stäbler

geb. 1938 in Stuttgart, ehemalige Betriebsratsvorsitzende der Leonberger Bausparkasse

Informationen zur Biografie

Sozialdemokratisches und antifaschistisches Elternhaus, roter Großvater von den Nazis ins KZ Heuberg gebracht und aus öffentlichem Dienst entfernt
1957 Abitur, Ausbildung zur physikalisch-technischen Laborantin
1975 - 1995 Betriebsratsvorsitzende bei der Leonberger Bausparkasse
1977 - 1995 zugleich Gesamtbetriebsratsvorsitzende
1978 - 1998 Arbeitnehmervertreterin im Aufsichtsrat der Leobau
1995 Eintritt in den betrieblichen Vorruhestand
20 Jahre lang Mitglied des Böblinger Kreistags (SPD)
1995 - 2001 zusammen mit der Journalistin Monica Mather Gasthörerin an der Uni Stuttgart in Mittlerer und Neuerer Geschichte sowie Politik
1999 Gründungsmitglied der KZ-Gedenkstätteninitiative Leonberg, bis heute im Vorstand aktiv, Initiatorin des “Wegs der Erinnerung”, viele Jahre Führungen zur KZ-Geschichte, Publikationen zur Geschichte des Konzentrationslagers und der Zwangsarbeit in Leonberg
Auszeichnungen:
1986 Verleihung des Hans-Böckler-Preises des Deutschen Gewerkschaftsbundes (zusammen mit der türkischen Betriebsrätin Mine Moray). Das Preisgeld von 10.000 DM stiftete ich für Frauenprojekte in den Entwicklungsländern (Marie-Schlei-Verein)
2007 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes für das Engagement als Betriebsrätin, Kommunalpolitikerin und  Gewerkschafterin sowie die Forschungs- und Erinnerungsarbeit zum KZ Leonberg und die Heimatforschung
2011 Verleihung des Adolf-Mirkes-Preises des SPD-Kreisverbandes Böblingen für jahrzehntelanges Engagement in Gewerkschaft und SPD, insbes. die Arbeit als SPD-Kreisrätin sowie als Mitbegründerin der KZ-Gedenkstätteninitiative Leonberg

Was hat Sie bewogen, sich politisch und gewerkschaftlich zu engagieren?

Ich komme aus einem sozialdemokratischen und antifaschistischen Elternhaus. Als Gymnasiastin in den 1950er Jahren politisierten mich vor allem der Wiederaufstieg der alten Nazi-Eliten und die Wiederbewaffnung, später die Notstandsgesetze. 1961 trat ich in die SPD ein, ohne zunächst aktiv zu werden. Aus Protest gegen die Große Koalition verließ ich 1967 die Partei kurz, um dann im Willy-Wahlkampf 1969 voll einzusteigen. Die längst überfälligen, gesellschaftlichen Reformen der Ära Brandt begeisterten mich und ich engagierte mich von da an über 40 Jahre lang ehrenamtlich in den verschiedenen örtlichen und regionalen Gremien der Partei.

Gleichzeitig war ich stark gewerkschaftlich engagiert und in der Frauenbewegung aktiv. Auf allen drei Ebenen waren die großen Ziele – mit unterschiedlicher Gewichtung – fast deckungsgleich: wirkliche Gleichstellung von Frau und Mann, mehr soziale Gerechtigkeit, Abrüstung und Schutz der Umwelt.  Als Mitglied der SPD-Fraktion im Kreistag von Böblingen versuchte ich, auch die regionale Politik in diesem Sinne mit zu gestalten.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik und Gewerkschaft gemacht?

Meinem ehrenamtlichen Engagement in Partei und Gewerkschaft wurden keine Steine in den Weg gelegt. Im Gegenteil: Es waren oft gerade Männer, die den Anstoß dazu gaben. Anders wäre es sicher gewesen, wenn ich eine bezahlte/hauptamtliche Position bzw. ein Mandat auf Landes- oder Bundesebene angestrebt hätte. Als Unterstützerin von zunächst einer Bundestags- und später auch einer Landtagskandidatin habe ich erlebt, wie Männerseilschaften mit üblen Methoden versuchten, deren Wahl zu verhindern. Ich selbst habe nie ein solches Mandat angestrebt, weil mich die Aufgabe als Betriebsrätin voll erfüllte und ich nah bei den Menschen war. Männliche Konkurrenz machte mir kaum zu schaffen, wohl weil die Position eines frei gestellten Betriebsrats für beruflich ambitionierte Männer wenig attraktiv ist.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Ein hart erkämpfter Markstein in der Geschichte! Leider wurde dieses Recht nicht so genutzt, wie es sich die großen Kämpferinnen vorgestellt hatten. Wir müssen daher weiter daran arbeiten, dass Frauen die Macht ihres Wahlrechts erkennen und zur Änderung der gesellschaftlichen Strukturen nutzen, indem sie Kandidatinnen und Kandidaten wählen, die für mehr Chancengleichheit der Frau, für bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und generell für die volle Teilhabe der Frauen an der ihnen anteilig zustehenden Macht im Staat eintreten..

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Junge Frauen sollten nicht nur ihr Wahlrecht passiv nutzen, um mehr Frauen und die „richtigen“ Männer in die Parlamente zu schicken, sondern sich selbst aktiv einsetzen und Mandate erkämpfen. Die weibliche Sicht der Dinge muss verstärkt in die Gesetzgebung eingehen.


Renate Köpf

geb. 1949 in Marbach am Neckar, Kreis Ludwigsburg, Gemeinderätin in Benningen/Neckar

Informationen zur Biografie

Von 1989 bis 2004 Gemeinderätin in Benningen am Neckar (SPD), davon 5 Jahre Fraktionsvorsitzende der SPD-Fraktion

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Ich wurde von einem bekannten Gemeinderat gefragt, ob ich kandidiere, und zwar für die SPD. Da ich im Ort bekannt bin, wurde ich gewählt. Nach einer inzwischen verstorbenen Gemeinderätin war ich die zweite Frau im Gremium.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Es war am Anfang schwierig, da ich an den Umgang in Männerrunden nicht gewöhnt war und auch fachlich wenig bringen konnte. Einmal sagte mir der Bürgermeister, dass sich durch meine Anwesenheit im Gremium der Umgangston gebessert habe, was als Kompliment gemeint war. So nach und nach habe ich mir dann auch Wissen angeeignet und bin immer vorbereitet in die Sitzungen gegangen.
Ein Beispiel, wie Männerköpfe damals so tickten: Bei einer Diskussion und Abstimmung über ein von der Größe her strittiges Gewerbegebiet sagte der Bürgermeister zum mir: „Geben Sie ihrem Herzen einen Stoß und stimmen Sie zu, Sie haben doch morgen Geburtstag!“
Insgesamt war es eine gute Zeit und ich habe gelernt, wie unser Gemeinwesen funktioniert und dass Hintergrundwissen erforderlich ist, um zu einer Entscheidung zu kommen.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Es ist für mich selbstverständlich. Viele Frauen sind sich nicht bewusst, was sich in 100 Jahren getan hat und nehmen es als selbstverständlich hin.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Sie sollten sich mehr einbringen und mitreden. Ich habe den Eindruck, dass sich viele wieder in der alten Frauenrolle sehen.


Ilse Morweiser

geb. 1935 in Ludwigshafen-Oppau, erste Betriebsratsvorsitzende der Firma Wilhelm Gienger Mannheim KG von 1978 bis 2000

Informationen zur Biografie

arbeitete nach dem Besuch der Handelsschule als Sekretärin
1978 zur ersten Betriebsratsvorsitzenden der Firma Wilhelm Gienger Mannheim KG gewählt
blieb in dieser Position bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2000
Mitglied in der Gewerkschaft ver.di, Leiterin des Seniorenarbeitskreises ver.di Mannheim

Was hat Sie bewogen, sich gewerkschaftlich und im Betriebsrat zu engagieren?

Ich kam aus politischem Elternhaus und war schon in meiner Schulzeit politisch aktiv, zum Beispiel habe ich 1950 gegen den Koreakrieg demonstriert und wurde von der Polizei festgenommen. Zunächst war ich bei der KPD-Zeitung „Unser Tag“ als Redaktionssekretärin beschäftigt. Nach dem KPD-Verbot begann ich im Jahr 1957 bei der Firma Gienger (einem damals eigentümergeführten Betrieb im Sanitärgroßhandel) als Chefsekretärin zu arbeiten. Ich war damals die einzige in der Gewerkschaft. Ich war zwar schüchtern, aber trotzdem war ich es, die zum Chef gerannt ist, wenn was war und sagte: „Herr Lutz, so geht es nicht.“ Ich habe nach und nach Mitglieder für die Gewerkschaft geworben, es hat allerdings 20 Jahre gedauert, bis wir 1978 einen Betriebsrat wählen konnten. Meine Kollegen wollten, dass ich den Vorsitz übernehme, weil sie sagten, ich könne das, sie nicht.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau im Betriebsrat gemacht?

Bei mir war das so ähnlich, es gab aber Probleme bei meiner beruflichen Tätigkeit.  Nach 14 Tagen habe ich mit meinem Chef den größten Krach gehabt, weil ich auf ein Seminar gehen wollte; er stellte sich an, als breche der Betrieb zusammen. Später kam ich dann in die Verkaufsabteilung und arbeitete als Sachbearbeiterin, was letztendlich ein Vorteil war, weil ich dort auch mehr verdient habe schlussendlich.
Es lief zwar nicht immer ganz reibungslos, aber von den Kollegen habe ich immer die Unterstützung gehabt – als ich einmal lange schwer krank wurde, haben die mich jeden Tag im Krankenhaus besucht.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Das Wahlrecht und auch dass Frauen selbst kandidieren können, war für uns so selbstverständlich, dass wir uns darüber gar keine Gedanken gemacht haben. Erst wenn man gelesen hat, dass es dieses Recht irgendwo nicht gibt, merkte man, dass es vielleicht nicht so selbstverständlich gekommen ist.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Die Jugend ist unpolitisch geworden. Die meisten sind überfordert von all den Informationen, die auf sie einstürzen und sie merken das oft gar nicht.


Ursel Kohr

geb. 1944 in Mörtelstein (Kreis Mosbach), Stv. Betriebsrats-Vorsitzende von Horten bzw. Kaufhof in Mannheim von 1972 bis 2002

Informationen zur Biografie

Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau
1962 –  2002 Arbeit bei Horten bzw. Kaufhof in Mannheim
1972 Wahl zur stellvertretenden Betriebsrats-Vorsitzenden
diese Position hatte sie bis zu ihrer Pensionierung inne
Mitglied der Gewerkschaft ver.di, aktiv im Seniorenarbeitskreis ver.di Mannheim

Was hat Sie bewogen, sich gewerkschaftlich und im Betriebsrat zu engagieren?

Unsere Familie war sehr gewerkschaftlich orientiert. Mein Opa hat uns immer am 1. Mai abgeholt im schwarzen Anzug, Hemd und Krawatte und dem Gewerkschafsabzeichen der IG Metall. Nach der Kundgebung gingen wir immer in den Schwarzen Adler zum Essen. Ich selbst war dann als junges Mädchen in der Jungschar, und später als Jugendleiterin in der evangelischen Kirchengemeinde aktiv. Ich musste immer etwas machen. Deshalb habe ich „Ja“ gesagt, als mich ein Betriebsrat 1962 gefragt hat, ob ich nicht Jugendvertreterin machen wolle. Und von da an blieb ich an meiner Arbeitsstelle gewerkschaftlich aktiv.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau im Betriebsrat gemacht?

Ich persönlich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht. Das kam vielleicht daher, weil in einem Kaufhaus überwiegend Frauen arbeiten und ich auch immer die Wertschätzung der Kolleginnen, auch der gewerblichen, hatte. Ich habe keine Diskriminierung als Frau erlebt. Auch die Vorgesetzten haben mich akzeptiert.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Man hat nur ganz wenig darüber gesprochen, weil man es als selbstverständlich angesehen hat. Aber dass man nicht darüber nachgedacht hat, das war eigentlich ein Fehler, weil man nicht gesehen hat, dass Frauen sich zur Wehr gesetzt haben und gezeigt haben: Auch wir haben eine Stimme! Wir sind nicht nur ein Anhängsel der Männer! Und wenn man dann genauer schaut, dann merkt man, es waren ja ganz unterschiedliche Frauen, die damals sich zu Wort gemeldet haben und was eingefordert haben. Es waren ja nicht nur Arbeiterinnen, sondern auch sogar adelige Frauen, die sich da mit eingeklinkt haben; denn denen ging es ja im Grund nicht anders, sie hatten zwar mehr zu essen, hatten schönere Kleider usw., aber weil sie immer das repräsentieren mussten, was der Mann sich vorstellte, ist das denen natürlich eines schönes Tages auch auf die Nerven gegangen. Zumal die dann ja auch noch eine bessere Bildung gehabt haben…

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Die Jüngeren müssen sich mehr engagieren, es sind zu wenige von den Jüngeren, die das tun.


Ludmilla Stellenhofsky

geb. 1940 in Odessa (damals Sowjetunion), ehemalige Gemeinderätin in Schwäbisch Gmünd

Informationen zur Biografie

1980 - 1999 Gemeinderätin in Schwäbisch Gmünd (CDU)
Drei Perioden lang als Schöffin tätig
Seit 1976 Mitglied der CDU;
1976 -  ca. 2000 Mitwirkung in verschiedenen Funktionen und Gremien der Frauenunion und des CDU-Verbands

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Schwer zu sagen. Seit meinem 18 Lebensjahr bin ich ehrenamtlich tätig, z.B. im Jugend- und Studentenring der Deutschen aus Russland und in der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, z.B. als Gründerin und Vorsitzende des Gmünder AGV (Altersgenossenverein) 1940 , in der damals 127-jährigen Tradition als erste Frau überhaupt; federführend beim Organisieren von Veranstaltungen, bei der Frauenunion und im Stadtverband der CDU.
Sowohl in meiner beruflichen Laufbahn als auch in meinem politischem Werdegang wurde ich, ohne mich zu bewerben, gebeten, ein Aufgabengebiet aufzubauen bzw. für ein Amt im Gemeinderat oder Parteivorstand zu kandidieren – und dies jeweils von Männern. Warum? Die Frage habe ich mir eigentlich nie gestellt! Vielleicht weil ich mich einmischte? Ich empfand es als eine Auszeichnung, dass man mir Aufgaben zutraute und dazu als Flüchtling. Dies war alles im letzten Jahrhundert.
Im Gemeinderat war ich 19 Jahre in verschiedenen Ausschüssen und Gremien im Einsatz. Darüber hinaus engagierte ich mich als Schöffin.
Vielleicht lag es in den Genen und dem christlichen Handeln, das uns von meiner Großmutter und meiner Mutter vorgelebt wurde.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Für mich eine Selbstverständlichkeit! Meine Großmutter (geb. 1880) und meine Mutter (geb. 1911) mussten immer selbständig entscheiden und sich für die Familie einsetzen, auch bei der Flucht. Und deshalb war für uns das „Wahlrecht für Frauen“ immer etwas Selbstverständliches, nicht so die mangelnde Gleichberechtigung.
Die wichtigste Etappen waren für mich 1958 das Gesetz mit der Streichung des Letztentscheidungsrechts des Ehemannes oder 1972 die Öffnung der Rentenversicherung für Hausfrauen.
Dann 1980 der Rechtsanspruch auf Gleichbehandlung von Männer und Frauen am Arbeitsplatz bei gleichem Gehalt, von dem fast ein Jahrzehnt wenig realisiert wurde und erst 1994 die Ergänzung erfolgte: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“
Dies bezieht sich nicht nur aufs Berufsleben, sondern auch auf politischen Einsatz und Einwirken. Frauen gelangen verstärkt in die Entscheidungsgremien.
Von 1918 bis heute hängt alles an einem Faden, der langsam, aber zu einem immer kräftigeren Seil gesponnen wurde und hoffentlich keine Sollbruchstelle mehr zulässt.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Nicht davon ausgehen, dass sie als Frauen besondere Vorzüge gegenüber Männern beanspruchen dürfen. Gleiches Recht für alle, jedoch so, dass bei gleicher Leistung, gleichem Können ein faires Verhältnis geschaffen wird. Deshalb meine ich, dass alle Aufgabenfelder von Frauen beansprucht und bewältigt werden können, natürlich abhängig von der Veranlagung und von persönlichen Präferenzen. Liebe zur Aufgabe und auch etwas Leidenschaft helfen weiter, aber auch etwas Machtanspruch, um etwas machen zu können. Jedoch kein skrupelloses Karrierestreben, denn egal was kommt, man (frau) braucht immer Mitstreiter. Das sich bietende Themenspektrum ist riesig und jedes Jahr kommen gänzlich neue Herausforderungen hinzu. Gerade als junge Frau sich nicht vor schwierigen Aufgaben abschrecken lassen, versuchen, Vorreiterin zu spielen. Logistisches Denken scheint den Frauen in die Wiege gelegt worden zu sein (siehe IT-Branche).
Meine Erfahrung: Mit innerer Überzeugung kann man vieles bewegen, mit abkupfern oder um den Mund reden kaum. Und die jungen engagierten Frauen von heute, wenn sie das Allgemeinwohl im Auge haben, bewundere ich, denn sie argumentieren nicht nur glaubhaft, sondern versuchen auch das Ziel zu erreichen. Glaubhafter politischer Einsatz setzt natürlich ein entsprechendes Fundament voraus. Dazu kann Berufserfahrung, ehrenamtlicher Einsatz, Mitwirken in Vereinen und Organisationen sehr hilfreich sein. Man muss keine große Politikerin sein, Gedanken anzustoßen und damit Menschen zu erreichen ist schon ein Erfolg. Zuhören können und kommunizieren nützen sehr, um demokratisches Verhalten vorzuleben und Aufklärung zu betreiben, nicht nur in der sozialen Verantwortung im Gesundheits- und Sozialbereich.


Gertrud Hauff

geb. 1939 in Ebingen (heute Albstadt, Zollernalbkreis), Gemeinderätin in Gomaringen von 1975 bis 1980

Informationen zur Biografie

1975 bis 1980 Gemeinderätin in Gomaringen (SPD) als erste Frau im Rat
Ehrenamtliche Tätigkeiten:
1975 Gründung einer Fraueninitiative: Wöchentlich ein Mal konnten Frauen ihre Kinder in die Räume eines ehemaligen Kindergartens bringen und so an diesem Nachmittag eigene Termine wahrnehmen. Betreut wurden die Kinder von einem Zweier-Team aus anderen Frauen.
10 Jahre im Vorstand der Werkstatt für Behinderte WfB, heute „Freundeskreis Mensch“
2 Jahre in der Mensa der Schulen auf dem Hönisch tätig
viele Jahre als ‚Leihoma‘ für drei Kinder in einer Familie mit berufstätigen Eltern aktiv
10 Jahre jede Woche Vorleserin in einem Kindergarten
2016 Durchführung eines Alphabetisierungskurses für Frauen für das Flüchtlingsnetzwerk Gomaringen

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Wenn ich diese Frage beantworten soll, muss ich in wenigen Worten auf meine eigene Geschichte eingehen:
Ich bin am 19. Juli 1939, also unmittelbar vor dem Beginn des 2. Weltkrieges geboren. Aber ich rechne mich auch zu der sogenannten „skeptischen Generation“, die Helmut Schelsky in seiner Soziologie der deutschen Jugend beschrieben hat. Als kleines Kind habe ich die Auswirkungen des Krieges erlebt und erfahren, ohne zu begreifen, was wirklich geschah. In meiner Jugend habe ich von den Erwachsenen wenig Antworten zu den Fragen nach der Vergangenheit bekommen. Von den Männern abwiegelnd: „Da könnt ihr nicht mitreden“, von den Frauen: „Wir haben nichts gewusst.“ Wir Jugendlichen in den 1950er Jahren hörten aufmerksam zu, aber wir agierten (noch) nicht. Mir wurde aber klar: Man kann sich nicht „raushalten“, eine Demokratie ohne Demokraten und Engagement funktioniert nicht. Als glaubwürdige Politiker erschienen mir Viktor Renner, Theodor Heuss und Willy Brandt, obwohl dieser immer wieder verunglimpft wurde. Seine Vorschläge zur Ostpolitik stießen bei vielen unserer Generation auf offene Ohren. Schritte gehen in Richtung Frieden, Anerkennen der Anfangsschuld zu Beginn des Krieges …
Mein Mann und ich traten 1965 in die SPD ein, in den neu gegründeten Ortsverein. Vor den Bundestagswahlen 1973 engagierte ich mich im Wahlkampf. Mit dem Kinderwagen als Ablage für die Wahlprospekte fuhr ich von Haus zu Haus im Ort und redete mit den Leuten, die ich antraf. Ich arbeitete als Lehrerin in der Grundschule. Aus einem Ortsgebiet kamen Kinder in die erste Klasse, die nicht im Kindergarten gewesen waren und Defizite hatten. Bei den Hausbesuchen erfuhr ich von den Eltern, dass sie dem Besuch des Kindergartens nicht zugestimmt hatten, weil sie den Weg dorthin zu gefährlich fanden. Das war wirklich so. Er führte über eine Kreisstraße ohne Ampelregelung und im weiteren Verlauf ohne Bürgersteig. Ich erreichte bei der Gemeinde eine bessere Lösung.
Bei den Kommunalwahlen 1975 wurden zum ersten Mal Fraktionen gebildet. Das bedeutete, dass auf den verschiedenen Wahllisten wesentlich mehr Personen aufgeführt werden mussten. Ich wurde mehrfach und dringend gebeten, mich auf die Liste der SPD setzen zu lassen. Das habe ich auch getan. Ich wollte gerne Stimmen bringen, habe aber nicht unbedingt mit meiner Wahl gerechnet. Ich wurde aber gewählt. Zusammen mit vier Männern fand ich mich in der fünfköpfigen SPD-Fraktion wieder. Ich habe mich der Aufgabe gestellt, mich engagiert und ein wenig war ich auch neugierig auf die neuen Arbeitsgebiete.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Gemerkt habe ich sofort: In der Männergesellschaft war ich nicht willkommen. Ich bekam das bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu spüren. Man kann sagen, ich hatte einen schweren Stand. Davon gäbe es in der Tat viel zu erzählen, aber ich möchte hier darauf verzichten. Ich habe mich eingearbeitet, und das war schon rein zeitlich nicht einfach, weil meine Kinder, damals 8 und 10 Jahre alt, noch nicht so selbstständig gewesen sind. Termine in Ausschüssen haben oft schon am frühen Abend begonnen, es gab häusliche Engpässe. Die Arbeit in der Schule durfte nicht zu kurz kommen. Es war viel zu tun, wäre jedoch leichter gewesen, wenn es Anerkennung und Wertschätzung in den Gremien gegeben hätte.
Nach fast zwei Jahren erkrankte mein Sohn schwer, er musste mehr als sechs Monate im Krankenhaus verbringen. Ich war überlastet, fühlte mich aber unbedingt verpflichtet, die Amtsperiode zu Ende zu bringen. Im letzten Jahr meiner Tätigkeit wurde meine Mutter hinfällig und brauchte meine Hilfe. Damit waren die Würfel gefallen: Nach fünf Jahren schied ich aus dem Gremien aus. Danach war ich nie mehr in politischen Ämtern, aber in vielen Bereichen ehrenamtlich tätig.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Erst nach dem Untergang des Kaiserreiches 1918 wurde in der Verfassung der Weimarer Republik das allgemeine Wahlrecht für die Frauen Wirklichkeit. Schon vor und nach der Jahrhundertwende haben die Frauen dafür gekämpft, an den Wahlen teilzunehmen und selbst gewählt zu werden. Sozialdemokraten haben diesen Einsatz immer unterstützt.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Auch heute ist es noch nicht selbstverständlich, dass die Aufgaben in der Familie zwischen den Partnern fair geteilt werden, wenn für die Frau zu den häuslichen Tätigkeiten und den beruflichen Verpflichtungen noch ein öffentliches Amt oder ein ehrenamtliches Engagement dazukommen.


Gabriele Sautermeister

geb. 1932 in Rottweil, Gemeinderätin in Rottweil von 1968 - 1972

Informationen zur Biografie

Ausbildung als Industriekauffrau, Erfahrungen als Hausgehilfin in England und Frankreich
Qualifizierung im Gehobenen Verwaltungsdienst
1960 – 1994 Berufsberaterin bei verschiedenen Arbeitsämtern in Baden-Württemberg
1968 – 1972 Gemeinderätin in Rottweil (CDU)– ausgeschieden auf eigenen Wunsch wegen häufiger beruflicher Verhinderung
bis vor wenigen Jahren ehrenamtlich tätig in der Wärmestube, Aktion Eine Welt, zeitweilig als Jugendschöffin, im Seniorenrat und seit 24 Jahre bei der Sitzwache (Hospizarbeit)

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Als ich ca. 35 Jahre alt war, hatte ich einen Kollegen, der politisch aktiv war. Durch ihn wurde mein politisches Interesse geweckt und ich trat mit 36 Jahren in die CDU ein, deren Mitglied ich noch heute bin.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

In meiner Heimatstadt (25.000 Einwohner) wurden 1968 zwei Frauen in den Gemeinderat gewählt, eine davon war ich. Die Einarbeitung in mir fremde Arbeitsbereiche (z. B. Kläranlage, Energiegewinnung, Flächennutzung) bedurfte einer gewissen Zeit. Ich wurde von den Ratskollegen anerkannt und geachtet. Die Arbeit im Gemeinderat hat meinen Horizont erheblich erweitert. Ich empfand die Aufgaben als interessant, allerdings auch als sehr zeitaufwendig. Ich möchte die Erfahrungen, die ich gemacht habe, nicht missen.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

100 Jahre Frauenwahlrecht ist ein Meilenstein in der Geschichte. Die Gleichstellung zwischen Mann und Frau in der Gesellschaft ist aber auch heute noch lange nicht erreicht. Es gibt nach wie vor eklatante Unterschiede in der Bezahlung und auch in der Vertretung der Bevölkerung, z.B. im Wissenschaftsbereich, in Vorstandsgremien, in der Politik und in der Kirche. Erfreulich ist es, dass der Frauenanteil in diesen Gremien in den letzten ca. 30 Jahren etwas zugenommen hat.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Es ist schwierig für junge Frauen, Haushalt und Kindererziehung sowie Berufstätigkeit und politisches Engagement zeitlich miteinander zu verbinden.


Hannelore Jochum

geb. 1928, lebt in Heidelberg, Altstadträtin Heidelberg

Informationen zur Biografie

1975 – 1989 im Gemeinderat der Stadt Heidelberg (SPD)

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

1972 erfolgte mein Eintritt in die SPD nach Gesprächen mit dem damaligen Ortsvereinsvorsitzenden in einem Stadtteil Heidelbergs und dem Abschluss einer zweiten Berufsausbildung. Beweggründe waren: Die Chance, mehr Demokratie zu wagen oder zumindest bei diesem Wagnis helfen zu können und dabei zu sein.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Mein persönlicher Erfahrungshorizont ist nicht geprägt vom „Frausein“. Ich hatte nie den Eindruck, Nachteile oder Vorteile zu haben, weil ich eine Frau bin.
Respekt, Verwunderung, vielleicht auch einmal Herablassung von Männern zu meinen politischen Einstellungen waren mir selbstverständlich. Ich lernte z.B. zu verlieren, ohne meine Position aufzugeben. Und ich lernte natürlich auch, Kompromisse zu schließen.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Das Frauenwahlrecht bedeutet mir sehr viel, und ich danke dafür mit großem Respekt all den Frauen, die sich für die Durchsetzung dieses Rechts engagiert haben. Es ist heute nicht mehr vorstellbar, in welcher Abhängigkeit z.B. Ehefrauen waren.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Die Aufgaben für junge Menschen – Frauen und Männer –  in der Politik sehe ich in erster Linie darin, sich für den Frieden einzusetzen. Auf jeder Ebene ist das möglich: in Kommune, Land, Bund und in der internationalen Politik. Junge Frauen in politischen Ämtern müssen natürlich und außerdem darauf achten, dass alle Verletzungen der Gleichberechtigung von Frauen und Männern ausgeglichen werden.


Gabriela Büssemaker

geb. 1956 in Nürnberg, erste Oberbürgermeisterin in Ettlingen

Informationen zur Biografie

Oktober 2003 – Oktober 2011 Oberbürgermeisterin der Großen Kreisstadt Ettlingen

Seit 1992 in der FDP, u.a. als jüngste Frau im Landesvorstand von Baden-Württemberg, Kreisvorsitzende der FDP Mannheim, stellv. Bundesvorsitzende der Vereinigung liberaler Kommunalpolitiker

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Meine Kinder hatten keine Betreuung in der Grundschule, wenn Unterricht ausfiel. So habe ich mich zusammen mit anderen Müttern organisiert. Über die rot-gelbe Landesregierung in Rheinland-Pfalz (1991) konnte aufgrund meiner Initiative die erste betreuende Grundschule als Modellversuch gegründet werden, die später von allen Bundesländern übernommen wurde.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Aussagen von Frauen werden stärker angezweifelt und hinterfragt als die von Männern. Als Frau kann man jedoch mit Charme durchaus einige Männer „ausknocken“.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Eine grundsätzliche Gleichbehandlung mit dem männlichen Wahlrecht und gleichzeitig auch eine Selbstverständlichkeit.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Junge Frauen haben weiterhin dieselben Herausforderungen zu bewältigen, wie ich vor 15 Jahren. Politikerinnen werden weiterhin nicht so ernst genommen wie männliche Kollegen und müssen sich und ihre Argumente stärker beweisen. Frauen werden weiterhin auch in der Politik stärker auch vom Aussehen, Haltung, Sprache beurteilt als Männer.


Beate Weber-Schuerholz

geb. 1943 in Reichenberg (Sudetenland), erste Frau als Oberbürgermeisterin in Baden-Württemberg

Informationen zur Biografie

Politische Aktivitäten: SPD vom Ortsverein auf kommunaler Ebene bis zum Bundesparteirat der SPD, bis heute Seniorenrat auf Bundesebene
1975 – 1985 Stadträtin Heidelberg
1979 – 1990 Abgeordnete des Europäischen Parlaments, hier 1979-1984 stellv. Vorsitzende und
1984 – 1989 Vorsitzende im Ausschuss für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz
1990 – 2006 Oberbürgermeisterin in Heidelberg

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

In der Kommunalpolitik (wie in der ‚großen‘ Politik) bestimmten Anfang der siebziger Jahre in den Parteien, Verwaltungen und Gemeinderäten fast ausschließlich Männer. Die Lebens- und Berufserfahrungen von Frauen – vor allem jüngeren Frauen – waren nicht oder zu wenig vertreten, meiner Meinung nach musste sich das unbedingt ändern, um bessere Entscheidungen für die gesamte Bevölkerung zu erreichen. Deshalb fing ich 1970 an, mich politisch in der SPD zu engagieren und kandidierte dann 1975 erstmals für den Gemeinderat in Heidelberg, denn die Lösung ganz konkreter Probleme fand ich am interessantesten.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

In vielen Gremien war ich am Anfang die einzige oder eine von wenigen Frauen, später wurden wir langsam etwas mehr. Um Entscheidungen jedoch beeinflussen zu können, bedarf es einer Mindestmenge von Frauen in Gremien. Erst als sich über viele Jahre zu wenig verbesserte, begann ich deshalb eine rechtlich vorgeschriebene Quotierung für dringend notwendig zu halten, wie es sie in vielen Ländern (vor allem Skandinavien) längst erfolgreich gab.
Ich habe immer versucht „Frau zu bleiben“ und mich nicht auf die männliche Art, Politik zu machen, einzulassen. Das hat mich wohl über 45 Jahre in der aktiven Politik recht unbeschadet überleben lassen.
Von großer Bedeutung war es für mich, Netzwerke von Frauen aufzubauen und zu unterstützen, denn auf solche bauen zu können, ist sicher der ganz große Vorteil von Männern. Ich habe gerne und intensiv Frauen gefördert und mich immer auf ihre Unterstützung verlassen können.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Wahlrecht zu haben ist eine großartige Gestaltungsmöglichkeit, dabei immer auch eine Verpflichtung aktiv zu sein! Es ist besonders wichtig, Frauen für die Demokratie und damit auch für Wahlen  zu begeistern, denn ohne sie sähe die Gesellschaft anders und noch ungerechter aus. Demokratie vererbt sich nicht, sie muss immer wieder neu erarbeitet und gesichert werden. Ganz deutlich sah man das ja recht kurz nach der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland, als es von den Nationalsozialisten sofort wieder abgeschafft wurde.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Die Aufgaben sind für alle, aber insbesondere für junge Frauen nicht leichter geworden. Berufe fordern stark, von jedem und jeder wird mehr persönliche und räumliche Flexibilität erwartet; die Arbeitswelt ist ungesicherter; unterstützende Familienstrukturen sind seltener geworden; die neue Selbständigkeit erfordert viel eigene Initiative und braucht Kraft. Der Staat hat sich erst sehr spät und immer noch zu langsam auf die Notwendigkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf besonnen.


Biggi Bender

geb. 1956 in Düsseldorf, erste weibliche Fraktionsvorsitzende im baden-württembergischen Landtag

Informationen zur Biografie

1988 – 2001 Landtagsabgeordnete (Die Grünen) in Baden-Württemberg
1988 – 1990 erste weibliche Fraktionsvorsitzende im Landtag
1992 – 96 Vorsitzende des Ausschusses für Frauen, Familie, Weiterbildung und Kunst
lange Jahre Mitglied in grünen Parteigremien auf Bundes- und Landesebene
2002 – 2013 Bundestagsabgeordnete (Bündnis90/Die Grünen), Gesundheitspolitikerin
Heute Delegierte im Länderrat von Bündnis90/Die Grünen

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Mich hat die Abholzung alter Alleebäume zwecks Verbreiterung von Straßen ebenso gestört wie die gezielte Beschämung von jungen Studentinnen durch alte Professoren. Und der Satz meiner Mutter: „Dagegen kannst du nichts machen“ war für mich Ansporn, das Gegenteil zu beweisen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Ich habe Verunsicherung bei älteren Abgeordneten anderer Fraktionen, Irritation bei erfahrenen Kollegen der eigenen Fraktion wegen anderen Stils er- und durchlebt wie auch Versuche von Kolleginnen, mit der Forderung nach „Frauensolidarität“ politische Differenzen zuzuschütten. Konfliktfähigkeit hat sich ausgezahlt. Vor allem im Bundestag gab es gute weibliche Seilschaften und viel fraktionsübergreifendes Verständnis – nicht zu verwechseln mit Harmonie.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Das Recht zu wählen und gewählt zu werden ist nur der Anfang. Frauen haben viel erreicht in den letzten Jahrzehnten, aber der brüchige Grundkonsens in der Gesellschaft fordert Frauen weiter als aktiv Handelnde – für die Genderfrage wie auch andere Felder von Zukunftsfähigkeit (Klimaschutz!).

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Junge Frauen sollten nichts für selbstverständlich nehmen. Was nicht auf der gesellschaftlichen Tagesordnung bleibt und immer neue Verständigung erfordert, geht unter.


Christl Hönig-Engelhardt

geb. 1945 in Rottweil, Gemeinderätin in Rottweil von 1975 bis 1989

Informationen zur Biografie

Fernmeldebeamtin
Jugendvertreterin im Personalrat beim Fernmeldeamt Rottweil
1975 – 1989 Gemeinderätin der CDU in Rottweil
Aktiv u.a. im Kreisvorstand der CDU und der CDA (Christlich-demokratische Arbeitnehmerschaft), Kreisvorsitzende der Europa-Union und
Mitglied im Bezirksvorstand der KPV (Kommunalpolitische Vereinigung) Südbaden

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Mein politisches Engagement hat sich aus meinem gewerkschaftlichen Engagement als Jugendvertreterin im Personalrat des Fernmeldeamtes Rottweil ergeben. Auf Seminaren der Deutschen Postgewerkschaft wurde uns empfohlen, uns auch politisch einzubringen, um etwas bewegen zu können. Und so habe ich mich kundig gemacht, welche der Parteien mit meinen Vorstellungen am meisten übereinstimmt. Ich wollte nicht automatisch in die SPD eintreten, wie uns von der Gewerkschaft nahegelegt wurde, auch wenn für mich soziale Fragen sehr wichtig waren. Da das Programm der Jungen Union mich am meisten überzeugt hat, bin ich dort Mitglied geworden (damals war ich 29 Jahre alt). Die Junge Union hat mich dann für die Kommunalwahlen im Jahre 1975 aufgestellt.
Was mich auch noch für die Union bewogen hat: Ich war schon immer ziemlich grün angehaucht, was nicht unbedingt für die CDU gesprochen hätte, aber bei der CDU Südbaden gab es damals ein Umweltprogramm mit dem Namen „Die grüne Charta“, das meinen Vorstellungen entsprach.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Als Frau habe ich keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich habe engagiert mitgearbeitet und wurde anerkannt. Mal bin ich, mal bin ich nicht in irgendwelche Gremien gewählt worden, wenn ich kandidiert habe. Ich finde aber, das muss eine Frau eben auch akzeptieren und nicht die Wahlniederlage nur mit dem Geschlecht begründen.
Insgesamt habe ich gute Erfahrungen gemacht. Mit offensichtlichen Ressentiments hatte ich keine Probleme. Ich habe z. B. auch damals schon eine sog. „gesetzte“ Vergabe von Listenplätzen abgelehnt. Ich musste um meinen Platz kämpfen, aber ich habe es trotzdem geschafft. Da war ich damals vielleicht auch schon anderer Meinung als viele andere Frauen. Die bestehen auch heute noch auf ein Quorum, und da bin ich immer noch dagegen.
Ich möchte noch drei Punkte erwähnen, die für mich wichtig waren:
In den19 80er Jahren habe ich im Rottweiler Gemeinderat beantragt, dass man in den Kindergärten eine sog. Frühgruppe einrichtet. Denn selbst wenn eine Frau nur halbtags gearbeitet hat, hatte sie bei Öffnungszeiten von 8 Uhr bis 11.30 Uhr keine Möglichkeit, ihr Kind im Kindergarten abzugeben. Diese Zeitspanne war für eine berufstätige Frau viel zu kurz. Ich habe für diesen Antrag von allen Seiten Prügel bekommen: von Frauen, natürlich auch von Männern, von der Kirche… Die waren der Meinung, es sei unzumutbar, Kinder so früh in den Kindergarten zu schicken! Das war schon sehr heftig. Heute muss man da natürlich schon etwas lächeln, aber damals …
Als zweites: Ich habe ja schon meine „grüne Neigung“ betont. Mich freut immer noch, dass ich verhindern konnte , dass bei einer geplanten Vergrößerung des Fernmeldeamts über 30 Bäume, die auf einem Parkplatz standen und schon gute zehn Jahre alt waren, nicht gefällt, sondern umgesetzt werden konnten.
Das Ende meiner kommunalpolitischen Tätigkeit basierte auf einer Auseinandersetzung über den Paragraphen 218 mit den Repräsentanten der CDU im Wahlkreis Rottweil. Eine Gruppierung in der CDU namens „Christdemokraten für das Leben“ vertrat die Meinung, dass eine Abtreibung nur bei Gefahr für das Leben der Mutter erlaubt sein dürfte. Selbst bei einer Vergewaltigung sei es einer Frau durchaus zuzumuten, das Kind auszutragen.
Diese frauenverachtende Haltung habe ich in einem Leserbrief scharf angegriffen. Daraufhin ergaben sich heftige Diskussionen mit den beiden CDU-Abgeordneten (MdL und MdB), die sich hinter diese Haltung der CDU-Gruppierung stellten. Daraufhin bin ich aus der CDU ausgetreten. Ich verblieb noch die laufende Wahlperiode im Gemeinderat, kandidierte aber danach nicht mehr.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Ich bin natürlich froh, dass wir dieses Recht haben, und nicht erst seit ungefähr 50 Jahren wie in der Schweiz. Die Frauen damals mussten wirklich hart kämpfen. Sie hatten aber auch allen Grund, sich emanzipatorisch zu betätigen! Heute ist Emanzipation manchmal so ein übergestülptes Mäntelchen, aber damals war es wirklich eine enorme und tolle Leistung, was diese Frauen geschafft haben. Gerade weil die Allgemeinheit es damals – anders als heute – nicht als selbstverständlich erachtet hat, dass Frauen die gleichen Rechte haben!

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Sie sollten selbstbewusst bei Kandidaturen ihre Fähigkeiten und nicht das Frausein betonen. Manchmal hat man den Eindruck, dass nicht die Gleichberechtigung im Vordergrund steht, sondern eine Bevorzugung. Manche Forderungen, wie z.B. die geschlechterspezifische Formulierung in allen Bereichen, halte ich für überzogen. Wo sicherlich noch ein Nachholbedarf besteht, ist bei der Bezahlung in vielen Bereichen


Christa Hofmann

geb. 1940 in Bad Saulgau (Kreis Sigmaringen), später Leonberg, heute Missen-Wilhams, ehemalige Stadträtin in Leonberg

Informationen zur Biografie

1975 – 1980 im Stadtrat Leonberg sowie im Ortschaftsrat  Höfingen (Teilort von Leonberg), Mitglied im Finanzausschuss und Schulausschuss
Heute nur noch häufige Zuhörerin im Gemeinderat
Ehrenamtlich tätig in der Seniorenarbeit der Gemeinde, der Demenz-Betreuung des ASB und der Flüchtlingsbetreuung

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Aus Interesse am Geschehen in Dorf und Stadt und aus der langjährigen Erfahrung im Elternbeirat die Erkenntnis, dass auch Frauen unbedingt Politik mitgestalten müssen. Entscheidend war nicht das „Jahr der Frau“ (1975), sondern die Überzeugung, dass Frauen in den politischen Gremien gleichberechtigt beraten und mitbestimmen müssen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Als einzige Frau in meiner damaligen Fraktion war meine Meinung nicht sehr gefragt. Die Einarbeitung in Gemeinderecht, Satzungen, Sitzungsabläufe gab mir Selbstvertrauen.
Nach unliebsamen Abstimmungen gab es auch für Männer Anfeindungen. Entscheidungen nach Sachlage zu treffen war mir wichtig, nicht nach Parteienvotum.
Das Angebot einer anderen Fraktion, gerne mit mir als Frau zusammenarbeiten zu wollen, nahm ich an. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich einen ausgezeichneten Mentor, Kollegen, die Gleichstellung praktizierten und wieder Spaß an der politischen Arbeit. Diese war manchmal zeitraubend und anstrengend, trotzdem schön.
Mein Interesse an der Kommunalpolitik hat sich bis heute erhalten.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Ich bewundere die Frauen, die 1918/19 das Wahlrecht erkämpft haben und den Mut hatten, diese politische Männerwelt zu betreten. Das Wahlrecht eigenständig wahrnehmen heißt Mitbestimmung und Mitverantwortung, auch für das politische Geschehen. So funktioniert Gleichberechtigung. Wahlrecht ist Wahlpflicht, volljährig waren wir erst mit 21 Jahren, sehnlichst erwartet!

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Es gilt noch für vieles zu kämpfen: Gleiche Chancen für Frauen und Männer in allen Bereichen. Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sicherstellung von Gesundheitsvorsorge und Pflege. Vermeidung von Altersarmut – vor allem Frauen sind gefährdet. Schutz vor Diskriminierung und Gewalt. Sozialer Zusammenhalt und Integration. Umweltschutz – gleichzeitig Gesundheitsschutz.


Dr. Christine Rudolf

geb. 1965 in Ludwigsburg, 1984 jüngste Gemeinderätin in Freiberg/Neckar und in Baden-Württemberg

Informationen zur Biografie

1984 – 1990 Stadträtin in Freiberg am Neckar – 1984 jüngste Gemeinderätin in Baden-Württemberg
1994 – 1999 Kreisrätin in Ludwigsburg
1996 – 1999 Stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD Kreistagsfraktion
1996 – 2011 Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg, dort Mitglied im Finanzausschuss und Ausschuss für Kultus, Jugend und Sport
2012 – 2017 Ratsmitglied ATTAC Deutschland

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Mit 16 Jahren besuchte ich Arbeitsgruppen der Umwelt- und Friedensbewegung. Ich bin in einem sehr politikinteressierten Elternhaus aufgewachsen. Nachrichten anschauen, Zeitung lesen waren für mich damals schon eine Selbstverständlichkeit. Die Umgebung, in der ich lebe, mitzugestalten war für mich spannend. Vor allem, weil ich die Schule als sehr gestaltungsarmen Ort erlebt habe.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Als sehr junge Frau habe ich in der Politik weibliche Solidarität, väterliche Unterstützung aber auch viel Sexismus erlebt. Unterstützend war die Einführung der Geschlechterquote in der SPD. Frauen wurden gesucht und als wichtig wahrgenommen. Diskussionen in Gruppen verliefen allerdings trotzdem sehr geschlechterhierarchisch. Es war schwierig, sich durchzusetzen.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Ich sehe mich als politisch Handelnde in einer historischen Linie mit Vorkämpferinnen. Der Kampf um das Frauenwahlrecht war lang und beschwerlich. Ich freue mich über den Erfolg dieser Kämpferinnen aus allen politischen Lagern, die gemeinsam einen Meilenstein für alle Frauen erreicht haben. Frauen durften nicht nur wählen, sondern konnten auch gewählt werden. Dies war auch der Startpunkt für viele Kämpfe, die wir heute noch führen.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Die ökonomische Ungleichbehandlung von Menschen unterschiedlichen Geschlechts und die gesellschaftliche Verteilung von unbezahlter Arbeit bestimmen auch heute noch die Lebenswirklichkeit von als Frauen gelesenen Menschen. Eine freie Entscheidung über Lebenswege ist deshalb für niemanden gegeben, obwohl vor dem Gesetz alle Menschen gleich sind. Geschlechterstereotype halten Frauen und Männer in „alten“ Rollenklischees fest. Politische Lösungen dafür sind nicht einfach zu finden, deshalb stehen junge Frauen, die sich politisch engagieren, immer noch vor großen Herausforderungen.


Gertrud Dorer

geb. 1935 in Schwenningen (Württemberg), lebt seit 1988 in Mannheim, Gemeinderätin in Villingen-Schwenningen von 1975 bis 1980

Informationen zur Biografie

1975 – 1980 Gemeinderätin (CDU) in Villingen-Schwenningen
In Schwenningen Mitglied des Vorstands des CDU-Kreisverbandes
In Mannheim langjährige Mitgliedschaft im Kreisvorstand der CDU sowie Bezirksbeirätin in Mannheim-Neckarstadt-Ost; bis 2015 in Neuostheim-Neuhermsheim
Mitglied bei den Senioren der CDU
Aktiv im Vorstand des Deutschen Frauenrings, Ortsverband Mannheim

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Politik hat mich interessiert. Wahlen, ob Bundes-/Landes- oder Kommunalwahlen sind Pflicht.. Seit 50 Jahren bin ich Mitglied der CDU und arbeite dort mit auf allen Ebenen, für die Menschen in allen Lebenslagen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Im Wahlkampf sich einbringen war nicht schwer, sowohl bei Bundes-, Landes- oder Kommunalwahlen. Auf die Wahlliste z.B. bei Kommunalwahlen zu kommen, war in den Jahren 1960/1970 für Frauen noch sehr schwer. Kämpfen lohnte sich im Laufe der Jahre.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

100 Jahre Frauenwahlrecht – sehr vielen Frauen von heute ist das selbstverständlich. Nach 1945 war das für die meisten Frauen neu, sie interessierten sich wenig, sehr viele waren überfordert. Heute sind wir Frauen sehr stolz auf dieses Recht.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Politische Aufgaben, gerade für die jungen Frauen, gibt es sehr sehr viele. Aber gerade diese Frauen zeigen recht wenig Interesse an diesen Aufgaben, es sei denn, sie werden gewählt, bekommen ein Amt, das ist wichtig! Politik ist harte Arbeit. Politische Themen gibt es zur Genüge, sich einarbeiten ist wichtig, Diskussionen, Verhandlungen eine Notwendigkeit, egal auf welcher Ebene.


Gotlind Braun

geb. 1938 in Ravensburg, 1973 bis 1986 Stadträtin in Tübingen

Informationen zur Biografie

seit 1958 SPD-Mitglied
1973 – 1986 Stadträtin in Tübingen
1999 Stadträtin in Freudenstadt (Nachrückerin)
1972 Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Tübingen
1994 Gründungsmitglied AG SPD 60 plus
Ende 1990er Jahre Mitglied in der SPD-Programm-Kommission

Altenpolitik:
1996 – 2006 als Vertreterin von SPD60plus Vorstandsmitglied in  der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO)
2003 – 2009 als Vertreterin der BAGSO Mitglied bei AGE, der Europäischen Altenplattform Bei der Gründung dieser Seniorenorganisationen waren sehr viele Frauen beteiligt, die Vorstandsämter wurden von Frauen ausgeübt (ehemalige Ministerinnen, Abgeordnete).

Tätigkeit bei Sozialen Vereinen:
13 Jahre Vorsitzende des Ortsvereins Tübingen der Arbeiterwohlfahrt
10 Jahre Vorsitzende des Vereins „Wohnpark am Schönbuch“ in Tübingen (Wohnprojekt für Senioren)
Gründungsmitglied und seit 25 Jahren Vorsitzende des Vereins „Freie Wohlfahrtspflege Tübingen“ (Förderverein für Wohnungslosenhilfe).

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mich entschlossen hätte, mich politisch zu engagieren, es war vielmehr so, dass in meiner Familie Politik und die Diskussion darüber immer schon eine große Rolle gespielt hat: Mein Vater war bis 1933 Redakteur einer Sozialdemokratischen Zeitung, nach Verhaftung, KZ, Krieg und Gefangenschaft war er ab 1946 wieder in der SPD aktiv. Besuche von politischen Veranstaltungen und Mithilfe bei Wahlkämpfen (z.B. durch Verteilen von Wahl-werbung) waren für mich schon als junges Mädchen selbstverständlich. Nach dem Abitur habe ich studiert, ich wurde Mitglied der SPD, kandidierte für den AStA. Nach Studienabschluss und Familiengründung war ich 1972 Vorsitzende der SPD in Tübingen, 1969 und 1972 kandidierte ich für den Gemeinderat, in den ich 1973 nachrückte und bis 1986, als ich wegzog, blieb. Wichtige Themenbereiche für mich waren: Kindertagesstätten, Frauenhaus, Altenbegegnungsstätte, Einrichtung einer Gesamtschule.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Weil politisches Engagement als Frau für mich selbstverständlich war, hat es ein wenig gedauert, bis mir Hindernisse oder mangelndes Verständnis für die Situation politisch engagierter Frauen in meinem Umfeld aufgefallen sind: Frauen mit kleinen Kindern waren im Gemeinderat eigentlich nicht „vorgesehen“, sie mussten für Babysitter sorgen und sie bezahlen (zuerst von den geringen Beträgen des Sitzungsgelds). Der Bitte, man möge doch die Sitzungstermine auf den Abend verlegen (Sitzungsbeginn war immer 16 Uhr) wurde mit Unverständnis begegnet. Allerdings war es auch neu, dass junge Frauen im Gremium waren, die schon vorher im Gemeinderat tätigen Frauen waren älter und hatten die Familienphase hinter sich bzw. waren kinderlos. Kindergärten mit den damaligen Öffnungszeiten waren auch nicht hilfreich, weil sie gerade dann nicht mehr geöffnet waren , wenn die Sitzungen begannen, u.a. auch deshalb habe ich mich engagiert für den Ausbau und Veränderungen beim Angebot im Kita-Bereich.
Bei der SPD galt lange Zeit die Regel, dass es in den Vorständen auf allen Ebenen zwar auch eine „Frauenvertreterin“ neben den Männern geben musste, als Zeichen dafür, dass man auch die Frauen für wichtig halte. Meine eigene Erfahrung mit diesem „Amt“: Es war dann aber doch nicht immer leicht, als Minderheit in solchen Gremien die Aufmerksamkeit für Anliegen und Probleme der Frauen zu wecken und Frauen z.B. bei Kommunalwahlen auch für aussichtsreiche Plätze zu nominieren. Es hat dann bis Anfang der 1980er Jahre gedauert, bis es durch die Mühen und Anstrengungen der Frauen (und hilfreicher Männer) gelang, eine 40 %-Quote im Statut der SPD zu verankern: Männer und Frauen müssen zu mindestens je 40 % in den Wahlvorschlägen für Parteigremien und Wahlämter bzw. Parlamente vertreten sein.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Es ist wichtig, daran zu erinnern, wie schwierig und langwierig der 70jährige Kampf der Frauen war, bis 1918 das Wahlrecht erreicht wurde. Dies wird ja geschehen mit verschiedenen Veranstaltungen in den nächsten Monaten, was hoffentlich bei vielen Frauen die Aufmerksamkeit auf politische Fragen und Debatten richten wird und so erreichen wird, dass sich noch mehr Frauen für Politik interessieren, sich für Ziele engagieren, wählen gehen und bereit sind, für Ämter zu kandidieren.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Sie müssen Beruf, Familie und Politik unter einen Hut bringen (wenn sie sich tatsächlich für Politik interessieren). Dabei spielt die Berufstätigkeit bzw. „Karriereplanung“ vielleicht eine größere Rolle. Und so wird manchmal das Wahlamt früher aufgegeben zugunsten des Berufs. (Diesen Eindruck habe ich gewonnen, als nach der letzten Kommunalwahl etliche junge gewählte Gemeinderätinnen verhältnismäßig früh nach der Wahl wieder aus dem Gremium ausgeschieden sind.) Die jungen Frauen müssten sich also Strategien und Methoden überlegen, wie sie erreichen können, dass sie in allen drei Bereichen aktiv sein können.


Gerlinde Hämmerle

geb. 1940 in Wolfach/Schwarzwald, erste Fraktionsvorsitzende der SPD im Gemeinderat Karlsruhe, erste Regierungspräsidentin des Regierungsbezirks Karlsruhe

Informationen zur Biografie

1971 bis 1986 Mitglied des Gemeinderates Karlsruhe
1981 bis 1986 Fraktionsvorsitzende der SPD-Fraktion – erste Frau in diesem Amt
1986 bis 1994 Mitglied des Deutschen Bundestages
1990 bis 1994 Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD Fraktion
1994 bis 2005 Regierungspräsidentin des Regierungsbezirks Karlsruhe – erste Frau in diesem Amt in Baden-Württemberg

Berufsschullehrerin, ausgeübt 25 Jahre, Studiendirektorin, stellv. Schulleiterin
Zahlreiche ehrenamtliche Funktionen, z.B. bei der Arbeiterwohlfahrt, dem Badischen Landesmuseum, der Härtefallkommission beim Innenministerium Baden-Württemberg, verschiedene Parteiämter.

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Ich stamme aus einer politisch engagierten Familie, politische Betätigung war selbstverständlich.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht. Ich habe NIE irgendeinen Nachteil erfahren, weil ich Frau bin. Wenn man gut ist, Autorität besitzt und Ausstrahlung hat, geht alles relativ reibungslos.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

100 Jahre Frauenwahlrecht ist eine der größten Errungenschaften unserer Demokratie.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Junge Frauen sollen sich nach meiner Meinung in ALLE politischen Gebiete einbringen, und sich nicht auf „Frauenthemen“ beschränken!


Heidi Scharf

geb. 1953 in Amberg, ehemalige Bevollmächtigte der IG Metall in Schwäbisch Hall – erste Frau in Baden-Württemberg in dieser Position

Informationen zur Biografie

1980 -2002 Gewerkschaftssekretärin
2002 – 2016 Erste Frau in Baden-Württemberg, die Erste Bevollmächtigte der IG Metall wird (Schwäbisch Hall)
2002 – 2016 Alternierende Vorsitzende der Agentur für Arbeit Schwäbisch Hall
2005 – 2007 Landesvorstand der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit e. V. (WASG), anschließend Landesvorstand der Partei DIE LINKE
Seit 2013 eine der LandessprecherInnen der Partei DIE LINKE

Was hat Sie bewogen, sich gewerkschaftlich zu engagieren?

Es hat mich vor allem gestört, dass wir auf keiner Ebene ein Mitsprache- geschweige denn ein Mitbestimmungsrecht hatten. Das fing schon an der Schule an und zog sich weiter im betrieblichen Alltag. Von Beginn meiner beruflichen Tätigkeit an wurde mir immer mehr bewusst, dass wir als Frauen abgehängt sind. Ich habe 1970 angefangen zu arbeiten. Ausbildungsplätze waren rar, die jungen Männern bekamen die höher qualifizierten Ausbildungsplätze, wir jungen Frauen die minderqualifizierten. So zog sich das durch. Die Chefs waren ausschließlich Männer und sie behandelten uns Frauen als ihre „Untergebenen“. Nach vielen Konflikten im Betrieb habe ich mich in der Gewerkschaft engagiert und die gleichen Strukturen vorgefunden. Ich war anfangs die einzige Frau im Jugendausschuss und was passierte? Ich wurde zur Schriftführerin erkoren. Dies war der Zugang zu den wichtigeren Gremien innerhalb der betrieblichen Gewerkschaftsstruktur. Gleichzeitig hat mich die ehrenamtliche Arbeit stark politisiert und den Wunsch geweckt, mehr zu lernen über die Zusammenhänge von Kapital und Arbeit und unsere eigene Geschichte. Von den französischen Revolutionärinnen, Clara Zetkin, den weisen Frauen etc. hatte ich bis dahin noch nichts gehört. 1978 habe ich dann den Sprung gewagt zur Akademie der Arbeit, einer gewerkschaftseigenen Akademie an der man/frau 11 Monate lang in Vollzeit ein „Mini-Studium“ absolvieren konnte mit dem Ziel, später bei einer Gewerkschaft als Gewerkschaftssekretärin zu arbeiten. Von 1980 bis 2016 habe ich dann bei der Gewerkschaft IG Metall als Gewerkschaftssekretärin gearbeitet; in Baden-Württemberg war ich die erste in einer Geschäftsstelle, und ab 2002 als Erste Bevollmächtigte bis zum Ausscheiden in die Rente. 1984 haben wir Frauen (ehren- wie hauptamtlich) in der Geschäftsstelle, in der ich damals beschäftigt war, den Slogan kreiert „Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen“. Wir haben uns eingemischt in den Arbeitskampf und waren nicht mehr bereit, nur im Streiklokal zu „dienen“, sondern sind unsere Frau vor den Toren der Betriebe gestanden und haben in allen Diskussionen eingebracht, dass wir für eine tägliche Arbeitszeitverkürzung eintreten.
In den 80er Jahren gab es große Auseinandersetzungen um Frauenquoten und Frauenförderung. Letztendlich hat das dazu geführt, dass in fast jeder Geschäftsstelle der IG Metall eine Frau hauptamtlich beschäftigt ist und viele Frauen in Führungspositionen sind.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Gewerkschaft gemacht?

Uns Frauen wurde nichts geschenkt, wir hatten keinerlei Netzwerke, jede hat für sich alleine kämpfen müssen, oft auch gegen den Widerstand von Männern. Ab 1982 kamen dann doch immer mehr dazu. Wir trafen uns auf bezirklicher Ebene, um unsere Probleme zu diskutieren. Unsere bezirklichen Frauentreffen wurden teilweise toleriert, aber auch blockiert. Gar manche Gewerkschaftssekretärin durfte nicht teilnehmen bzw. die Teilnahme wurde nicht gerne gesehen. In Diskussionsrunden wurden wir einfach übersehen. Unsere Positionen in der Gewerkschaft mussten wir über lange Jahre durch ständige Auseinandersetzungen mit den jeweiligen Führungen durchsetzen. Wir wollten keine Alibifrauen sein, sondern als gleichwertig und wegen unserer Arbeit und Qualifikation anerkannt werden.
Es gab dann in einzelnen Geschäftsstellen bereits Frauen als Zweite Bevollmächtigte. Aber es hat 22 Jahre gebraucht bis eine Frau Erste Bevollmächtigte wurde. Dabei sind viele männliche Kollegen, die viel kürzer in der Gewerkschaft waren, an uns vorbeigezogen.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Solidarität der Frauen untereinander. Das Frauenwahlrecht war ein Schritt hin zur wirtschaftlichen und politischen Emanzipation von Frauen. Sie konnten nun selbst politisch aktiv werden, kandidieren und gewählt werden. Es war der Kampf von Frauen, endlich die gleichen Rechte zu bekommen. Erst 30 Jahre später konnte im Grundgesetz die Gleichstellung von Männern und Frauen festgeschrieben werden. Von da an ging es im Schneckentempo vorwärts, aber es gab auch Rückschläge. Heute haben Frauen in vielen Bereichen Positionen erobert, die sie sich vor 100 Jahren nicht erträumt haben.
Und doch liegt noch viel im Argen. Der Anteil von Frauen in politischen Gremien (Landtag/Bundestag/Kommunen) ist viel zu gering. Vor allem alleinerziehende Frauen, Frauen in Teilzeit, in niedrig qualifizierten und niedrig entlohnten Bereichen sind nach wie vor von vielem ausgeschlossen und abgehängt. Und Frauen tragen immer noch die Hauptlast im Haushalt, bei Kindererziehung und Pflege.
Die Auseinandersetzungen um die volle Gleichstellung gehen weiter. Ohne weitere Arbeitszeitverkürzung für alle werden die Schritte Trippelschritte bleiben, ein großer Schritt hin zu einer kurzen Vollzeit für alle wäre dringen geboten.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Sie stehen vor der Aufgabe, die volle Gleichberechtigung und Gleichstellung auf allen Ebenen durchzusetzen. Wir alle sind Menschen und kein Mensch hat ein Vorrecht gegenüber Anderen. Politische Aufgabe sollte sein, dafür einzutreten, dass sowohl Haus-und Familienarbeit wie auch Erwerbsarbeit und gesellschaftliche Arbeit gleichmäßig auf alle verteilt wird. Arbeitszeiten sind für alle so anzupassen/zu reduzieren, dass dies gelingt. Dafür reicht dann auch eine kürzere Vollzeit. Dabei müssen die Einkommen so gestaltet werden, dass Mann/Frau/Familien davon gut leben können.
Sie müssen lernen an ihrer eigenen Lage anzusetzen, darüber nachdenken, wo die Ungerechtigkeiten sind, streiten für die Anerkennung ihrer Kenntnisse und Erfahrungen und damit auch für eine höheren Bezahlung. Dienst am Menschen ist ein Dienst für die Gesellschaft und braucht eine qualifizierte Ausbildung und damit auch eine Gleichwertigkeit mit akademischen und technischen Berufen und deren Bezahlung.


Heidrun Bojarski

geb. 1941 in Mährisch-Weißkirchen (heute Tschechien), lebt in Offenburg, ehemalige Gemeinderätin in Offenburg

Informationen zur Biografie

Bildungsweg: Volksschule, Höhere Handelsschule (Abschluss Mittlere Reife), danach Ausbildung zur Industriekauffrau
Gemeinderätin in Offenburg von 1980 – 1989
Erste Kandidatur 1980 als parteilose Kandidatin auf der SPD-Liste, einige Zeit später dann Eintritt in die SPD. Der SPD ist sie trotz aller Turbulenzen nach wie vor verbunden.
Als Gemeinderätin Mitglied des Verwaltungs- und des Planungsausschusses, stellvertretendes Mitglied im Verkehrsausschuss, Jugendwohlfahrts- und Umlegungsausschuss

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Kandidiert habe ich, weil ich das Gefühl hatte, dass in einigen mir wichtigen Dingen die Gemeinderäte entgegen den Wünschen der Bevölkerung entschieden. Ein Beispiel: Ich lebte in einem neuen Stadtteil, in dem es drei Gemeinderäte von der CDU gab. Ich war Elternvertreterin und wir hätten damals die Chance gehabt, unsere Grund- und Hauptschule zu einer Ganztagsschule  zu machen. Die Mehrheit der CDU hat das im Gemeinderat abgelehnt. Ich war sehr zornig, denn bei uns im Stadtteil lebten sehr viele Familien mit kleinem Einkommen, wo die Frauen zusätzlich putzen gingen und die Kinder schon morgens um 7 Uhr auf dem Schulhof standen. Deshalb wäre eine Ganztagsschule ideal gewesen. Inzwischen ist die Schule Gesamtschule geworden, meine eigenen Kinder waren da aber nicht mehr betroffen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht insgesamt. Ganz am Anfang meiner Zeit als Gemeinderätin haben wir Frauen gleich für eine Änderung gesorgt. Wir haben unsere Post immer als „Frau Stadtrat“ bekommen. Ich habe mich gemeldet und habe gesagt, dass ich in Zukunft meine Post als „Frau Stadträtin“ bekommen möchte – daraufhin musste die Gemeindesatzung geändert werden. Wir waren damals fünf Frauen, alle sehr engagiert, in meinen ersten vier Jahren haben wir viele frauenpolitische Sachen durchgedrückt. Die Anträge wurden von der SPD eingebracht, wir haben aber oft die Unterstützung der Gemeinderatsmehrheit erhalten.
Ein Beispiel: Ich war Mitglied im Verwaltungsausschuss, was ich mir in der Fraktion schwer erkämpft habe, weil man mich in den Sozialausschuss stecken wollte. Der Verwaltungsausschuss war mir wichtig, weil ich dort sein wollte, wo die Gelder genehmigt werden. In meiner ersten Sitzung als Mitglied im Verwaltungsausschuss wurde ein großes Haus aus dem Besitz der Stadt Offenburg an ein älteres kinderloses Ehepaar verkauft. Sie standen als Erste auf der Bewerberliste. Eine Familie mit fünf Kindern ging leer aus. Unsere Fraktion hat in der Sitzung auf Anregung einer weiteren SPD-Stadträtin und mir den Antrag auf Änderung der Vergabekriterien in der Satzung gestellt. Dem Antrag wurde statt gegeben. Für die Zukunft wurde beschlossen, dass Vergaben nicht nach Bewerbungseingang, sondern nach sozialen Gesichtspunkten entschieden werden. Das war mein erstes Highlight!
Und wo wir SPD-Frauen auch initiativ waren: Als wir zum ersten Mal kandidiert hatten, haben wir SPD-Kandidatinnen mehrere Veranstaltungen gemacht: „Von Frauen für Frauen“. Wir versprachen, dies auch nach der Wahl fortzusetzen. Es nahmen auch Kandidatinnen anderer Parteien teil. Ich bin gewählt worden, eine Kandidatin von der CDU-Liste nicht. Sie hat mich immer wieder gefragt, wann wir von der SPD unser Versprechen, die Veranstaltungen  „Von Frauen für Frauen“ weiterzumachen, einhalten würden. Das gab dann den Anstoß, dass ich mit zwei anderen SPD-Gemeinderätinnen eine Anzeige geschaltet habe: Am Dienstag, den soundsovielten, „Stammtisch für politisch interessierte Frauen“ im Restaurant Soundso in Offenburg. Es kamen 13 Frauen.
Dieser Stammtisch hat überparteilich 15 Jahre lang funktioniert. Wir trafen uns einmal im Monat zu einem Thema, das von den Teilnehmerinnen kam, es gab eine Referentin, anfangs auch mal einen Referenten. Und die Frauen vom Stammtisch mit den Frauen im Gemeinderat haben sich parteiübergreifend dafür eingesetzt, dass wir in Offenburg eine Gleichstellungsbeauftragte bekommen haben

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Was die Suffragetten geleistet haben, finde ich nach wie vor ganz, ganz toll! Aber es geht alles noch ziemlich langsam, es muss noch so viel erreicht werden, damit die Gleichstellung von Frau und Mann auch wirklich durchkommt. Ich finde, viele der jüngeren Frauen meinen, es sei ja alles schon da und man brauche eigentlich nichts mehr zu machen. Das politische Denken fehlt, mir geht alles zu langsam; es wird zu viel diskutiert und es kommt zu wenig dabei raus.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Frauen sind in vielen Bereichen immer noch nicht gleichgestellt. Frauen fehlt im politischen Alltag die Mehrheit, um ihre Forderungen durchzusetzen bzw. für Änderungen zu sorgen. Deshalb sollten sie sich politisch engagieren. Dann können sie sich für ihre Forderungen selber einsetzen. Aber Frauen, die kandidieren oder die sich engagieren, müssen auch wissen, dass es nur in kleinen Schritten geht und dass es viel Zeit und Energie kostet. Von jetzt auf nachher geht das nicht, man muss schon zäh sein! Aber es bringt auch Zufriedenheit, wenn ein Antrag der Fraktion Mehrheiten findet.
Was mir auch noch ganz wichtig ist, ist etwas, das ich jetzt als Rentnerin merke. Ich habe 27 Jahre – meist in Teilzeit – gearbeitet und müsste, wenn ich jetzt keine Witwenrente von meinem Mann hätte, mit Grundsicherung auskommen. Deshalb ist es wichtig, dass Frauen eine gute Schulbildung mit Schulabschlüssen haben, einen Beruf lernen. Und dass sie, wenn sie arbeiten, eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung haben. Möglichst keine langen beruflichen Auszeiten, wenn sie Kinder haben. Nur so entgehen sie der Altersarmut. Mehr Frauen sollten sich politisch engagieren, sich stark machen für genügend Kitas und Kindergärten, um damit Beruf und Familie möglich zu machen.


Helga Zimmermann-Fütterer

geb. 1938 in Dürrwangen Zollernalbkreis, Gemeinderätin in Balingen, Kreisrätin im Zollernalbkreis

Informationen zur Biografie

Aufgewachsen mit 2 jüngeren Geschwistern, Vater in Russland 1944 vermisst 
Volksschule, Bürolehre beim Landratsamt Balingen, Wechsel zur Bizerba, Heirat, 3 Kinder, Familienfrau 
25 Jahre Wahlkreismitarbeiterin (Teilzeit) von Dr. Andreas von Bülow MdB
1994 bis 1999 als Kauffrau in der Projektentwicklung und -betreuung bei einem Balinger Immobilienunternehmen tätig
1979 erstmals Kandidatur und Wahl in den Kreistag des Zollernalbkreises und den Gemeinderat der Stadt Balingen. Aufstellung einer eigenen Ortschaftsratsliste für den Stadtteil Frommern
Seit 1979 Kreisrätin im Zollernalbkreis
1980 – 2014 Gemeinderätin in Balingen
1980 – 2009 Ortschaftsrätin in Frommern
1994 und 1998 Kandidatin der SPD für das Bundestagsmandat für den Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen
Viele Jahre Mitglied im Kreisvorstand der SPD im Zollernalbkreis und im Ortsvereinsvorstand der SPD Balingen

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Als Tochter einer Kriegerwitwe und durch meine Lehre beim Landratsamt, dort beim Ausgleichsamt, das für die Heimatvertriebenen zuständig war, hat sich mein politisches Bewusstsein früh entwickelt. Ich habe Gremienarbeit als Elternbeirätin in Kindergarten und Schule angefangen und war Initiatorin eines Bürgerbegehrens um einen Schulhausbau. Der Weg in die Kommunalpolitik und in die SPD war nicht mehr weit.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Ich habe vor allem viel gelernt. Es gab nach meiner Wahrnehmung keine Akzeptanzprobleme. Ein Ortschaftsratskollege sagte mir einmal: „In Appenzell dürfen Leute wie Sie noch nicht einmal wählen.“ Oder in der vorgedruckten Urkunde des Landkreises für 30jährige Mitgliedschaft im Kreistag war zu lesen: „Wir danken Helga Zimmermann-Fütterer für seine langjährige Tätigkeit…“ – die weibliche Form kam in der vorgedruckten Urkunde noch nicht vor.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Verwunderung darüber, dass es erst 100 Jahre sind – Dankbarkeit gegenüber den Sozialdemokraten, die das Frauenwahlrecht 1918 beschlossen haben, Aufforderung an die Frauen, Frauen zu wählen – denn wir sind die Hälfte der Menschheit.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Frauenfreiheit hat mit eigenem Geld zu tun. Mehrkinderfamilien und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist nach wie vor eine enorme Kraftanstrengung. Die Anerkennung der Familienarbeit als eine geldwerte Leistung muss durchgesetzt werden. Wieso ist der Haushalt kein normaler Arbeitsplatz, dessen Kosten komplett steuerlich geltend gemacht werden können? Ich hatte drei Kinder und ohne Haushaltsunterstützung durch wertgeschätzte und anständig bezahlte andere Frauen wären Berufstätigkeit, Mandate und Parteiarbeit nicht zu leisten gewesen.


Gerlinde Huber

geb. 1940 in Mannheim, ehemalige Betriebsrätin Brown, Boveri & Cie. BBC (später ABB/Alsthom), Mannheim

Informationen zur Biografie

Ausbildung zur Bäckerin/Konditorin, danach Arbeit bei den Hommelwerken Mannheim
1970 – 1997 angestellt bei BBC Mannheim (nach verschiedenen Firmenübernahmen: ABB, Alsthom)
1970 erste Frau auf einer Betriebsratswahlliste der IG Metall im Angestelltenbereich bei BBC Mannheim

Was hat Sie bewogen, sich im Betriebsrat zu engagieren?

Ich kam 1970 zu BBC in eine Abteilung mit ca. 30 Kolleginnen unter einem Chef. Ein Teil der Kolleginnen nahm Diktate auf, sie konnten Stenografie und Fremdsprachen, andere haben nur getippt. Aber von den Frauen wurde auch noch erwartet, dass sie die Bewirtung der Besucher übernehmen, einfach weil sie Frauen waren. Das waren so die ersten Sachen, die mich aufgeregt haben.
Ich war bereits in der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) und trat dann zur IG Metall über. Als die Aufstellung der IG Metall-Liste für die Betriebsratswahl anstand, konnte ich viele Kolleginnen dazu bringen, auf diese Versammlung mitzugehen. Ein Betriebsrat hat uns bemerkt und hat mitbekommen, dass ich so eine Art treibende Kraft war und hat mich gefragt, ob ich mich aufstellen lassen wolle, denn bisher hätten sie keine Frau auf der Liste. Meine Kolleginnen meinten: ‚Mach’s, mach’s!‘. Ich wollte nur auf einen hinteren Platz, doch plötzlich befand ich mich auf Platz 2 – das hatte ich mir ja nicht vorgestellt!
Als ich am nächsten Morgen in den Betrieb kam, wollte mich mein Chef sprechen. Er sagte, er möchte nicht, dass ich in den Betriebsrat gehe, ich solle mir das nochmal überlegen. Ich war unsicher gewesen und ich hätte es mir vielleicht anders überlegt, denn ich hatte ein kleines Kind, einen Mann, der den ganzen Tag arbeiten geht, einen Haushalt – aber als ich gemerkt habe, dass mich der Chef unter Druck setzen will, ist bei mir ein Rollladen runter. Und ich habe mich entschieden, zu kandidieren. Meine Kolleginnen haben sich gefreut … und so bin ich in den Betriebsrat gekommen! Da war ich drin bis 1997. Ich war bei Betriebsrätin bei BBC, bei ABB und bei Alsthom!

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau im Betriebsrat gemacht?

In meinem Betreuungsbereich waren auch die Druckerei und die Feuerwehr. Die Feuerwehr, das waren fast 150 Männer, die Sekretärin war dort die einzige Frau. Für mich war das ganz schön mühsam, mich da in die Thematik einzuarbeiten. Aber ich habe es geschafft, mich zu behaupten. Bei den Vorgesetzten hat es eine schon zwei oder drei Jahre gedauert, bis die mich akzeptiert haben und gelernt haben, dass ich jetzt und nicht der Herr Soundso ihre Gesprächspartnerin war. Später hatte ich dann einen Bereich mit sehr vielen Frauen, oft in großen Schreibbüros. Um die Frauen in der IG Metall zu organisieren, haben wir dann auch einen Frauenkreis bei BBC gebildet. Ziel war, immer informiert zu sein, damit wir dann auch weitere Frauen für die IGM ansprechen konnten.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Man ist wählen gegangen, das war so in Arbeiterkreisen. Bei uns ist man wählen gegangen, fertig. Wählen gehen war selbstverständlich und ist es auch heute noch.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Es gibt drei Bereiche, wo einiges zu tun wäre: Beim Wohnen, wo es vor allem für junge alleinerziehende Frauen schwer ist, eine Wohnung zu finden. Dann gibt es immer noch zu wenige Kita-Plätze, oft finden Frauen keine wohngebietsnahen Kitas. Und es ist immer noch so, dass Frauen auch bei gleicher Arbeit weniger verdienen als Männer. Dafür müssten sich junge Frauen einsetzen.


Irma Pekrul

geb. 1927 in Mannheim, ehemalige Betriebsrätin Brown, Boveri & Cie. BBC Mannheim

Informationen zur Biografie

Lehre im Textilgroßhandel, im letzten halben Jahr vor Kriegsende zu Mohr & Federhaff dienstverpflichtet
1946 – 1949        Arbeit bei Böhringer Mannheim
1949 – 1985        Arbeit  bei BBC Mannheim
1959 als zweite Frau in den Betriebsrat (Produktion) gewählt.

Was hat Sie bewogen, sich im Betriebsrat zu engagieren?

Ich habe 1949 bei BBC angefangen, in die Betriebsratsarbeit bin ich so reingerutscht. Bis 1959 war ich war Vertrauensfrau. Wir hatten schon eine Frau im Betriebsrat, aber die war aus der Küche, und hat sich im Betrieb  gar nicht ausgekannt. Bei BBC haben ungefähr 350 Frauen gearbeitet. Davon waren die Hälfte Putzfrauen und Küchenfrauen und die andere Hälfte arbeitete in der Produktion, im Akkord. Weil die jemanden im Betriebsrat wollten, der sich auch bei diesen Arbeiten auskennt, wurde ich gefragt, ob ich kandidieren will und kam dann als Letzte auf der Liste auch rein.
Aber vier Jahre später kam ich dann bei der Wahl schon auf den fünften oder sechsten Platz, weil ich im Betrieb dann schon bekannt war; ich habe mich viel um den Akkord gekümmert und bin viel bei den Leuten rumgekommen.
Wir Frauen waren alle immer in den niederen Lohngruppen und dazuhin hat man bei uns Frauen immer nur 15 Prozent verrechnet.* Und die in den anderen  Abteilungen, die Männer, die haben 20 Prozent verrechnet. Mein Standpunkt war – und das habe ich auch auf einer Betriebsversammlung gesagt: Die Geschicklichkeit der Frauen ist genauso viel wert wie die Muskelkraft der Männer! Und wir haben erreicht, dass wir Frauen auch 20 Prozent verrechnen können. Und später, als 1973 der Lohnrahmentarifvertrag II eingeführt wurde, haben wir es geschafft, dass die Frauen höhergruppiert wurden.
(*Verrechnungssatz  im Gruppenakkord)  

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau im Betriebsrat gemacht?

Wir haben 17 Betriebsräte gehabt, dazu kam ich als einzige Frau. Die Älteren im Betriebsrat haben mich schon sehr unterstützt. Und wir Frauen im Betrieb haben auch schon mal gestreikt. Und wenn Männer im Betrieb bei mir wegen irgendwas nur gejammert haben, konnte ich sagen: Sreikt doch auch wie wir Frauen!

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Mir bedeutet das viel, dass die Frauen auch Rechte haben. Ich muss auch eines sagen: wenn bei uns im Betrieb mit den Frauen was war, hab ich immer zu ihnen gesagt: Ihr müsst euch auch behaupten, hier und auch daheim! Ihr seid doch auch jemand, nicht nur der Mann! Ihr müsst euch auch behaupten, so viel Rechte habt ihr auch!

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Wie in meiner Zeit als Betriebsrätin würde ich sagen: Ihr als einzelne Person könnt ihr nichts erreichen – das können wir nur im Team!


Lydia Dangel

geb. 1940, in Biberach/Riß, 1980 erste weibliche Betriebsratsvorsitzende einer Fleischwarenfabrik in Biberach

Informationen zur Biografie

ca. 1975 – 1989 Betriebsratsmitglied
1980 – 1989 Betriebsratsvorsitzende
ca. 1975 – ca. 2000 Verwaltungsstellenvorstand Ulm der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG)
Landesfrauenausschuss
Tarifkommission ca. 1980 – 1998; Mitglied im Beirat der NGG
ca. 1975 – ca. 2004 Mitglied des DGB Kreisvorstands Ulm

Was hat Sie bewogen, sich gewerkschaftlich zu engagieren?

Meine Eltern waren politisch sehr interessiert, es wurde viel diskutiert. Mein Vater war Betriebsratsvorsitzender, so bekam ich viel mit, was für Probleme in einem Betrieb herrschen können. 1955, im zweiten Lehrjahr, wurde ich Mitglied in der Gewerkschaft NGG. Damals fiel mir schon so manche Ungerechtigkeit und Willkür in der Behandlung von Arbeitern auf, aber es war eine andere Zeit.
Ein Schlüsselerlebnis hatte ich bei einem großen Lebensmittelfilialbetrieb in Stuttgart. Ich hatte gekündigt und noch ein Urlaubsguthaben von zwei Wochen. Der Geschäftsführer wollte mir den Urlaub nicht mehr gewähren und behandelte mich sehr unfreundlich und von oben herab. Vom zuständigen Gewerkschaftssekretär bekam ich ein Schreiben mit, dass mir der Urlaub zustehe. Bei der Vorlage im Personalbüro war der Ton plötzlich ganz anders. Ohne weitere Diskussion bekam ich meinen Urlaub. Zu dieser Zeit war es nicht üblich, dass sich Angestellte wehrten. Ohne meine Gewerkschaft hätte ich dies nicht erreicht. Das hat mich sehr geprägt.
Danach fing ich als Filialleiterin in meinem Lehrbetrieb, einer Fleischwarenfabrik, an. Etwa im Jahr 1975 wurde ich Betriebsratsmitglied. Als die Firma 1980 in finanzielle Schwierigkeiten geriet und ein eventueller Verkauf im Raum stand, ließ der damalige Betriebsratsvorsitzende den Dingen seinen Lauf. Für die Arbeitnehmer hatte er sich nie richtig eingesetzt. Das war nun aber gefordert. Ein Wechsel an der Betriebsratsspitze war unerlässlich. So wurde ich zur Betriebsratsvorsitzenden gewählt – die erste Frau in dieser Position.
Durch gewerkschaftliche Betriebsratsseminare und nächtelanges Studium des Betriebsverfassungsgesetzes machte ich mich einigermaßen fit für das Amt. Große Unterstützung erhielt ich von der NGG-Verwaltungsstelle.
1987 ging die Firma auf einen anderen Besitzer über. 1989 erfolgte ein weiterer Verkauf und der Betrieb wurde zerschlagen. Die Produktion wurde eingestellt, die Verkaufsfilialen gingen teilweise an einen anderen Besitzer über.
Vermutlich um die weitere Zerschlagung der Firma ohne Betriebsratsvorsitzende abzuwickeln, wurde meine Filiale als erste aus dem Betrieb herausgelöst. Somit hatte der neue Besitzer freie Hand.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Gewerkschaft gemacht?

Mit meiner Gewerkschaft und besonders mit dem damaligen Geschäftsführer der Ulmer Verwaltungsstelle habe ich nur beste Erfahrungen gemacht. Schon lange bevor von einer Frauenquote die Rede war, hat er die Kolleginnen überzeugt, sich in den Betriebsräten zu engagieren und ist mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Somit wurden auch immer mehr Frauen in den Verwaltungsstellenvorstand, in die Ausschüsse, in die Tarifkommissionen und weitere Ämter gewählt. Dies war für manchen älteren männlichen Betriebsratsvorsitzenden schon etwas gewöhnungsbedürftig. Aber auch sie haben dazu gelernt.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

100 Jahre Frauenwahlrecht – Wahlrecht als Grundrecht: Das ist für uns jetzt eine Selbstverständlichkeit.
Wir müssen unseren mutigen Geschlechtsgenossinnen dankbar sein, dass sie sich so zielstrebig engagiert haben, um es zu erkämpfen.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Lohngerechtigkeit – gleiche Arbeit, gleicher Lohn. Bessere Vereinbarung von Familie / Kindern und Arbeit. Führungspositionen besetzen


Margarete Hartmann

geb. 1920 in Herrischried, Kreis Waldshut, Altstadträtin Freiburg im Breisgau

Informationen zur Biografie

Besuch der Handelsschule, Ausbildung zur Dentalkauffrau; Aufgabe der beruflichen Tätigkeit mit der Heirat
1959 – 1989 Gemeinderätin (CDU) in Freiburg/Br.
25 Jahre stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende
Viele Tätigkeiten im sozialen Bereich, u.a. Mitarbeit im Sozialdienst katholischer Frauen
1974 – 1982 Vorsitzende der Sozialstation Freiburg-West
Langjähriges Vorstandsmitglied des Bürgervereins Stühlinger; langjähriges Mitglied des Aufsichtsrats des Bauvereins Freiburg; langjährige Stiftungsrätin der Allgemeinen Stiftungsverwaltung Freiburg.
Auszeichnungen:
1980 Bundesverdienstkreuz
1998 Staufer-Medaille des Landes Baden-Württemberg
2011 Gertrud-Luckner-Medaille der Stadt Freiburg für ihr großes Engagement auch außerhalb des Gemeinderate

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Mein Vater war Sozialdemokrat, meine Mutter war Zentrum, wir haben daheim immer Gespräche geführt, immer politisiert. Als ich in der Schule war, war ich auch im BDM, das war halt so. Ich habe immer gesagt, ich gehe nie in eine Partei. In die CDU bin ich dann gekommen, weil ich jemanden geworben habe für den Sozialdienst katholischer Frauen, die wollte, dass ich da rein gehe, dann bin ich halt da rein. Aber ich habe nie gedacht, nie, dass ich einmal Stadträtin werde. Das kam halt so. Als unsere alte Stadträtin starb, haben mich alle gedrängt, weil ich hier im Kirchenchor war und im Pfarrgemeinderat. Es hieß: Frau Hartmann ist die Richtige, die kommt an. So habe ich mich halt aufstellen lassen. 1956 habe ich das erste Mal für den Gemeinderat kandidiert, wurde aber nicht gewählt. Aber 1959 bin ich dann auf dem siebten oder achten Platz der CDU-Liste gewählt worden.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Neben mir gab es noch zwei Gemeinderätinnen, aber die waren viel älter als ich. Die waren in den sozialen Ausschüssen und ich kam in lauter Männer-Ausschüsse. Ich war überall die einzige Frau! Ich war die erste Frau im Bauausschuss, ich war die erste Frau im Werkausschuss, ich war die erste Frau im Schlachthof-Ausschuss, im Friedhofs-Ausschuss …– da waren überall keine Frauen! Und ich musste mir überall meinen Stand erobern, bei den Männern! Die haben einen nicht akzeptiert, Frau und so weiter …  Aber ich habe das so geschickt gemacht, ich war ja verheiratet, und ich habe schon gewusst, wie man so umgehen muss mit den Männern; ich hab die Männer immer reden lassen, und wenn wir dann so im Gespräch waren, habe ich dann gesagt, ‚Jetzt hascht halt Blödsinn geredet, das ist doch gar nicht so!‘ – ‚Ja warum, ja wieso?‘ Und schon habe ich ihn rumgekriegt gehabt! So habe ich ihnen meine Meinung kund getan!
Hier im Stühlinger war ich die einzige Stadträtin, und in diesem sehr linken Stadtteil habe ich mich 30 Jahre lang sehr gut gehalten. Ich hab eh nie so viel Tamtam gemacht um die Parteien! Ich habe hier sehr viel gemacht, wie hieß es immer: „die Mutter des Stühlinger“! Und da im Lokalverein war ich lange die einzige Frau unter lauter alten Herren. Aber die haben mich akzeptiert, weil sie mich brauchten, weil sie über mich wichtige Informationen bekommen haben, beispielsweise was der Bauausschuss plant. Und ich war jung, und ich war hübsch, das hat ihnen Freude gemacht. Ich bin da sehr verehrt worden, muss ich sagen. Da war es angenehmer als in den Ausschüssen, da ging es schon herber zu mit einem als Frau!
Aber bei den Gemeinderatswahlen hatte ich immer die meisten oder zweitmeisten Stimmen in ganz Freiburg. Und mein Mann hat mich gehen lassen, sonst hätte ich ja nicht so viel Zeit können investieren, irgendwas war immer zu tun!

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Nur in einen Verein zu gehen und in den Gemeinderat zu gehen und sich hinzusetzen, jetzt, wo es auch noch Geld dafür gibt … – das ist es nicht, was für mich politische Arbeit bedeutet. Das würde ich den Frauen sagen: Wir dürfen einfach unser Ziel nicht aus den Augen verlieren, dass wir gleichberechtigt sind, das ist schon wichtig, aber das muss ich auch in der Bezahlung ausdrücken – da ist noch viel im Argen.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Wir dürfen nicht nur sagen, dass wir gleichberechtigt sind, wir müssen es auch bringen! Wichtig ist, dass wir in der Schule gut sind, dass wir Frauen darauf achten, dass die Kitas in Ordnung sind, die Lehrer und so weiter, dass wir eine gute Ausbildung kriegen. Und: dass die Frauen auch eben nach vorwärts gehen, mithalten mit den Männern! Und sich auch mal was zutrauen! Wie viele Frauen gibt es, die eine gute Ausbildung haben, und dann getrauen sie sich nicht, bestimmte Aufgaben und Positionen zu übernehmen, etwa als Chefin. Viele lassen sich durch ihre Kinder davon abhalten und viele sagen, ‚Ich bleibe lieber eine Stufe unter meiner Qualifikation, als nach oben zu gehen.‘ Und da müssen wir auch dazu helfen, wir müssen stützen, und natürlich drum kämpfen; auch in den Aufsichtsräten sind immer noch viel zu wenige Frauen. Und wir Frauen dürfen nicht sagen, wir können nur was im Sozialen. Nein, wir können auch was im Technischen! Da müssen wir schauen, dass wir auch noch mehr Dampf kriegen unterm Hintern und uns was zutrauen!


Margrit Bächle-Fiks

geb. 1952 in Offenburg, ehemalige Stadträtin in Offenburg

Informationen zur Biografie

1984 – 1986        Stadträtin in Offenburg
1996 – 2011        Stadträtin in Leer (Ostfriesland), dort in diversen Bereichen aktiv, z. B.
2001 – 2011        Vorsitzende der Sanierungskommission Soziale Stadt

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Politisch interessiert war ich schon immer. Das fing in meiner Schulzeit an, die ja auch eine hochpolitische Zeit war. Ich bin 1952 geboren, die Notstandsgesetze, Schulreform des Abiturs, möglicher Einzug der NPD bzw. deren Verhinderung waren schon Projekte, die mich beschäftigt haben, teilweise auch in der begrenzten Möglichkeit der Kleinstadt Offenburg.
1975 habe ich die Demos in Wyhl miterlebt, dann aber während des Studiums und während der ersten Jahre meines Arbeitslebens nicht mehr aktiv Politik gemacht. 1983 bei der Menschenkette von Stuttgart nach Ulm war ich beteiligt und dadurch auch in zwei Bürgerinitiativen aktiv. Einmal im Arbeitskreis Frieden und zum anderen in der Bürgerinitiative Umweltschutz Offenburg, bei der ich immer noch Mitglied bin.
1984 standen Kommunalwahlen an, es gab eine gemeinsame Liste BI Umweltschutz/Grüne, ich stellte mich zur Wahl, eigentlich nicht mit der Absicht, ein Ratsmandat zu bekommen, das hatte ich dann aber doch. 1984 bis 1986 gehörte ich dem Rat der Stadt Offenburg an. Dann bin ich nach Trier gezogen, da mein damaliger Mann nur einen befristeten Job in Offenburg hatte und mittlerweile in Trier arbeitete. Zwei Jahre später, 1988 ist er nach Leer(Ostfriesland) gewechselt. Dort bin ich recht schnell wieder politisch aktiv geworden. 1996 bis 2011 war ich für die Grünen im Rat der Stadt Leer.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Meine Erfahrungen waren auch und gerade als Frau überwiegend positiv. Man muss allerdings ganz anders verhandeln, als das Frauen normalerweise tun. Dann klappt die Zusammenarbeit gut und ist für alle ungemein wichtig.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Dazu fällt mir wenig ein. Wenn ich denke, ich bin jetzt 66, das Frauenwahlrecht 100, eigentlich unvorstellbar für mich, dass das erst so kurz existiert. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, da waren Frauen immer gleichberechtigt. Aber immerhin gibt es das Frauenwahlrecht seit 100 Jahren, in anderen Ländern können Frauen davon nur träumen oder begeben sich in Gefahr, wenn sie sich dazu öffentlich äußern.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Sie haben es noch schwerer, wenn auch vieles leichter ist. Sie müssen das alles perfekt machen, wir hatten noch eine gewisse Lässigkeit. Und die Zeiten sind anstrengend, die großen Fragen unserer Gesellschaft (Klimawandel, Demokratie, Arm-Reich-Diskrepanz, Umbau der Sozialaufgaben…), das Erstarken der neuen Rechten, die Potentaten, die im Moment die Weltgeschichte bewegen. Dazu haben Frauen immer noch Familie, meistens sind sie da alleine verantwortlich für Kinder, alte Eltern, Haushalt. Unterstützende Familienmitglieder sind oft weit verstreut und nicht in der Lage, mit zu helfen.


Martha Mühlberger

geb. 1943 in Haslau (heute Tschechien), ehemalige Gemeinderätin in Eutingen im Gäu

Informationen zur Biografie

1980 – 1984 und 1994 – 1999 Gemeinderätin in Eutingen im Gäu (CDU)
1996 – 2015 Vorsitzende des CDU Gemeindeverbandes Eutingen im Gäu
lange Jahre  Beisitzerin  im CDU Kreisvorstand Freudenstadt.

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Der Heimatort meiner Familie hatte im 20. Jahrhundert eine wechselvolle Geschichte. Schließlich kamen wir 1946 in Bayern an. Daher wurde in unserer Familie viel über politische Ereignisse gesprochen. Die Gebietsreform in Baden Württemberg machte aus vielen kleinen Gemeinden eine Gesamtgemeinde. So wurde auch ich gefragt, ob ich für den Gemeinderat kandieren würde. So kam ich 1980 zur CDU.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Die Gemeinderatszeit liegt schon lange zurück, sie war zum Teil mit langen Sitzungen verbunden. Die Themen in den Ausschüssen fand ich interessant. Ein Großteil Themen waren Vorschriften und Routine. Es war der übliche Kleinkram.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Das Wahlrecht gehört zur Demokratie, da ist es für mich überraschend, dass bei vielen Abstimmungen ein Großteil der Wahlberechtigten nicht zur Wahl geht.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Junge Frauen zur politischen Arbeit zu bewegen, war für  mich sehr schwierig. Ich habe fast 20 Jahre Gemeinderatswahlen für die Partei in unserem Ort organisiert. Wir waren froh, wenn wir wenigstens eine oder zwei Kandidatinnen fanden – und dann war es nicht sicher, dass sie auch gewählt wurden. Familie, Beruf und ein politisches Amt zu vereinbaren, ist sehr schwierig.


Monika Knoche

geb. 1954 in Kirrlach (Kreis Karlsruhe), lebt in Karlsruhe, Stadträtin in Karlsruhe, stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Die Linke im Bundestag

Informationen zur Biografie

1979 gehörte Monika Knoche zu den Mitbegründern der Partei Die Grünen
1985 – 1994 Stadträtin der Partei Die Grünen in Karlsruhe
1990 – 1994 Fraktionsvorsitzende  der Grünen im Karlsruher Gemeinderat
1994 – 2002 Mitglied des Bundestags, drogenpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen
2005 Austritt aus der Partei Die Grünen, 2007 Eintritt in die Partei Die Linke
2005 – 2009 stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Die Linke im Bundestag

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Bereits im Alter von 14 Jahren bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten, habe an Schulstreiks und Aktionen der Studentenbewegung teilgenommen. Ich war Hausbesetzerin für ein autonomes Jugendzentrum und gegen den Vietnamkrieg tätig. Ich bekam Schulungen in Marxismus/Leninismus und konnte in die DDR und die Sowjetunion reisen. Ich habe an der 68er-Bewegung in Heidelberg teilgenommen, wurde Schulsprecherin und Mitglied der SDAJ, Jugendvertretungsvorsitzende in einem sehr großen Ausbildungsbetrieb und Gewerkschaftsaktivistin. Als DKP-Mitglied bekam ich Berufsverbot und gründete die Partei Die Grünen in Karlsruhe mit. Als Stadträtin und später Bundestagsabgeordnete, aber auch im Länderrat der Partei, waren Frieden und Feminismus meine vorrangigen Themen. Fachpolitisch habe ich Gesundheits- und Drogenpolitik immer auch aus Frauenperspektive behandelt. Insbesondere mit der Gründung der Enquête-Kommission „Recht und Ethik in der modernen Medizin“ habe ich mich der Verzweckung der weiblichen Fruchtbarkeit als neue Menschenrechtsfrage der Frau zugewandt.
Ich kann gar nicht genau sagen, was für mich die Initialzündung für mein Politikerinnenleben gewesen ist. Vielleicht war es der Zufall, dass ich genau in dieser Zeit an diesem Ort Kontakt und Freundschaften mit einer mir sympathischen linken Politikszene hatte und Wissen über den deutschen Faschismus, sozialistische Gegenentwürfe, Widerstandbewegungen und Medizinverbrechen im „Dritten Reich“ erlangte, die mich diesen Weg einschlagen ließen. Vielleicht auch, weil mir dieses Wissen sonst vorenthalten geblieben wäre und ich über die interessanten Aufbruch-Jahre im intellektuellen und künstlerischen wie auch politischen Leben der späten 20er und frühen 30er Jahre nie etwas erfahren hätte, das mir erlaubte, die psychosozialen Bedingungen besser zu verstehen, die auf politische Entwicklungen allgemein und individuell wirken. Für mich war linkes, auch antiautoritäres Denken sehr interessant und ich wollte mehr davon kennenlernen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Mit Sicherheit wurden meine Möglichkeiten, in der Gewerkschaft höhere Funktionen zu bekleiden, dadurch begrenzt, dass ich die sexuellen Ambitionen von Funktionsträgern und "Förderern" zurückgewiesen und thematisiert habe, heute „me too“ genannt. Auch innerhalb der Partei Die Grünen habe ich derartiges persönlich erlebt und angesprochen, weil ich mich dank Quotierung nicht gänzlich dem Traditionsmachismo anpassen musste.
Mit Frauen in der Partei Die Grünen habe ich sehr viele sehr gute Erfahrungen der Treue und Unterstützung gemacht. Wir habe Frauensolidarität durchaus ernst genommen, wenn auch in den Grenzen der Flügelzugehörigkeit, was Aufstiegschancen anging.
Mit Politikerinnen anderer Parteien kam es z. B. in meiner Zeit als Fraktionsvorsitzende im Stadtrat, aber auch später im Bundestag, immer wieder zu sehr fruchtbarer parteiübergreifender Zusammenarbeit in Frauenfragen und Gesetzgebungen. Ob das heute noch möglich ist, weiß ich nicht, auch nicht, ob die Frauenfrage für heutige Abgeordnete überhaupt noch ein aktuelles Thema ist. Ich höre zumindest als interessierte Bürgerin diesbezüglich nicht wirklich was Neues.
Manchmal denke ich, dass meine Initiative zu 50 Jahre Verfassung, 50 Jahre Frauenrechte im Bundestag die ersten und bislang letzten dokumentierten Frauenfragen waren, zu denen alle vertretenen Frauen eigenständig das Bundestagsgeschehen für einen historischen Anlass ausgeschöpft haben.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Im Wesentlichen ist es m.E. die von den grünen Frauen erkämpfte Quotierung, die heute zu einer selbstverständlich gewordenen Vertretung von Frauen in führenden Positionen der Politik geführt hat und sich nach 100 Jahren zu einem Politikgestaltungswillen gewandelt hat.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Den Feminismus wieder zu entdecken! In Politik, Philosophie, Wissenschaft, Kunst, Kultur, Globalisierung, Demokratie und Teilhabe, Menschenrechten im Zeitalter reproduktionsmedizinischer Machbarkeiten. Eine neue Patriarchatskritik ist nicht nur notwendig, weil männlich-machohafte Macher sich erheben, die Weltpolitik zu dominieren, sondern auch weil Frauen in Machtpositionen aufgehört haben, den Feminismus als ein umfassendes Zivilisations- und Kulturprojekt zu verstehen und voran zu bringen. Neoliberalismus schafft neue tiefgehende strukturelle Benachteiligungen, die Frauen auf neue Art zu Mündeln von Herrschaftsstrukturen machen, die selbstbestimmtes Leben nicht erlauben. Menschenhandel, Frauenhandel, Versklavungsideale, z. B. im Anspruch homosexueller Männer auf ein leiblich eigenes Kind ... – es gibt so viele neue Herausforderungen, die einer feministischen Offensive bedürfen!
Mich hat es die letzten Jahre richtig wütend gemacht, dass darüber keine gereifte öffentliche Debatte möglich ist, Journalistinnen und Politikerinnen sich nicht mehr als ‚Frauenfrauen‘ definiert sehen wollen, schon gar nicht, sich selber als Frau und anderer Mensch als der Mann um gleichstellende Rechte bemühen. Es scheint sich ausgegendert zu haben. Ein guter Nährboden für Rückschritte, oder sehe ich zu schwarz? Man wird den Frauen keine Rechte mehr nehmen, aber ob Frauenrechte von Frauen weiterentwickelt werden im Sinne eines emanzipatorischen Humanismus, das glaube ich im Augenblick nicht. Oder die Debatten finden an anderen Orten statt, dort wo ich nicht mehr bin.


Erika Gerlach

geb. 1938 in Mühlacker (Enzkreis), zweite Frau im Gemeinderat Mühlacker

Informationen zur Biografie

1956 – 1958 Ausbildung zur Kindergärtnerin
1960 – 2001 Leiterin des evangelischen Pauluskindergartens in Mühlacker
1973 – 2014 Gemeinderätin in Mühlacker; als Nachrückerin die zweite Frau im Gemeinderat Mühlacker, u.a. 1. Ehrenamtliche Stellvertreterin des Bürgermeisters
1975 Eintritt in die CDU, dort einige Jahre im Vorstand des Stadt- und Kreisverbandes
Ab 1989 Kreisrätin, Mitarbeit in verschiedenen Ausschüssen,  berufenes Mitglied im Jugendhilfe-Ausschuss
Acht Jahre Hauptschöffin beim Amtsgericht Maulbronn; lange Jahre ehrenamtliche Richterin beim Verwaltungsgericht Karlsruhe sowie im Beirat der JVA Heimsheim
Ehemalige Vorsitzende des Heimbeirates des DRK-Seniorenheims Mühlacker, Heimfürsprecherin. Sie bereitet dort Gottesdienste und Feiern mit vor und vertritt die Stadt bei Geburtstagsbesuchen in den drei Seniorenheimen in Mühlacker.

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Ich wollte mich mit meinen Gaben für meine Heimatstadt einbringen und für diese etwas tun. In meiner Arbeit im Rat fand ich auch technische Fragen spannend, doch eine wesentlich wichtigere Bedeutung hatte für mich die Zuwendung zu den Menschen, den Kindern und der älteren Generation. Alten- und Pflegeheime gab es damals noch keine, wir brauchten mehr Kindergärten und auch andere Formen der frühkindlichen Erziehung, z.B. Ganztagsgruppen, Horte, Kinderkrippen, Tagesmütter. Und auch entsprechend ausgestattete Spielplätze.
Ich war der Meinung, dass die praktische Erfahrung in die Alltagspolitik einfließen muss.  Auch Jugendarbeit war für mich wichtig, der Rahmen für mich war hier die Kirche (Mädchenkreis, Jungschar, aber auch gemischte Kreise).

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Am Anfang war es sehr schwierig. Ich kam zuerst als Nachrückerin ins Gremium, war noch sehr jung und dann auch noch Kindergärtnerin! Das verstanden nicht viele Menschen. Respekt in der eigenen Fraktion habe ich mir anfangs dadurch verschaffen müssen, dass ich meine Sachen packte und ging, wenn die männlichen Fraktionskollegen mich nicht zu Wort kommen lassen wollten.
Aber mit den Jahren wuchs die Anerkennung und ich konnte manche Anregung im sozialen Bereich geben. Auch in vielen anderen Dingen schaffte ich es, mich gut einzuarbeiten. So erhielt ich auch Unterstützung. Wichtig ist, einfach auf die Menschen hören und abwägen!

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Ich bin sehr froh, dass es viele mutige Frauen gab, die sich für die Belange der Frauen eingesetzt haben, oft unter schwierigen Bedingungen. Mit dem Wahlrecht ist ein ganz wichtiger Schritt getan worden – doch wir müssen weiter für die Rechte von Frauen arbeiten, für Gleichstellung und gleiche Bezahlung.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Für junge Frauen ist es auch schwierig, sich politisch zu engagieren, wenn die Kinder noch klein sind oder alte und pflegebedürftige Angehörige zu versorgen sind. Aber vielleicht können da ja Möglichkeiten gefunden werden, wie das besser zu vereinbaren ist, es gibt viele gute Ideen! Viele  wollen sich auch gar nicht einbringen, auch wenn sie das Wissen dazu haben. Aber Teilhabe am politischen und gesellschaftlichen Leben, Beruf und Ehrenamt sind eine ganz wichtige Zukunftsaufgabe. Und Einsatz für andere lohnt sich immer, gibt Sinn und Erfüllung, Kraft zum Weitermachen, man wächst selbst daran. Wichtig ist es, „Neuen“ Mut zu machen!


Rukiye Kaplan

geb. 1955 in Esencay (Türkei), seit den 1990er Jahren ehrenamtlich tätig in der Frauen- und Mädchenarbeit und der Integrationsarbeit in Ulm

Informationen zur Biografie

Gründungsmitglied des Mädchen- und Frauenladens Sie`ste im Jahre 1992 in Ulm
Seit 10 Jahren Organisation der Gesundheitsprävention für Frauen und Mädchen im Sie`ste
Organisation der Frauenschwimmzeiten und des Mädchenfußballs und vieles mehr
1990 Gründungsmitglied der Türkisch-Deutschen Frauenfreundschaftsgruppe
Seit 1994 Mitglied im Frauenforum Ulm, davon 4 Jahre als Sprecherin
Lange Jahre aktiv in der Vorbereitungsgruppe 8. März in Ulm
Seit über 6 Jahren Mitglied im Kuratorium der Volkshochschule Ulm
Gründungsmitglied des Arbeitskreises „Tatmotiv Ehre“ (Nein zu Gewalt an Frauen und Mädchen)
Mitglied im Arbeitskreis „Nein zu Rassismus“
Gründungmitglied und Vorstandsfrau im Frauennetz West e.V.

Ehrungen:
Ulmer Band, Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg sowie Bundesverdienstkreuz am Bande für ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten.

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Ich habe die Notwendigkeit erkannt. Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich mir selber holen muss, was ich brauche. So konnte ich mich und meine Themen und Fragen bemerkbar und erkennbar machen und musste nicht auf andere warten.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Anerkennung musste man sich erkämpfen, sie war nicht selbstverständlich

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Das Ziel ist noch nicht erreicht, das macht mich (insbesondere im heutigen Europa) traurig.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Es geht noch um so vieles: Kampf um das politische Mandat, gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit. Fehlende Unterstützung und Infrastruktur, insbesondere für junge Mütter mit Kindern etc. Deshalb bin ich heute im Arbeitskreis „Mehr Frauen in die Politik“ aktiv.


Elke Stegmeier

geb. 1945, ehemalige langjährige Gemeinderätin in Mannheim

Informationen zur Biografie

Christel Elke Stegmeier, geb. Hollstein
Geb. 1945 in Finsterbrunnertal, Gem. Schopp ( im zum Entbindungsheim umfunktionierten Naturfreundehaus mitten im Wald)
1975 - 2014 Gemeinderätin in Mannheim, davon 20 Jahre stellvertretende Fraktionsvorsitzende (und auch übergangsweise selbst Vorsitzende)

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Meine Familie war klar gewerkschaftlich orientiert. Im Gymnasium traf ich auf eine engagierte CDU-Bezirksbeirätin und eine Lehrerin, die es für ein Kennzeichen von Eliten hielt, dass sie für den Staat eine besondere Verantwortung übernehmen. So war es vielleicht doch kein Zufall, dass ich mich 1973 für die SPD werben ließ und auch 1975 bei der Kommunalwahl bereit war, auf dem „sicheren“ Listenplatz 35 zu kandidieren. 1975 war das Jahr der Frauen, ich landete auf Platz 20 und war Stadträtin!

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Es ist gut, wenn man redet, wenn man auch etwas zu sagen hat: Dann wird man eher gehört.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Wenn ich mir den Anteil der Mandatsträgerinnen anschaue......es bleibt noch viel zu tun!

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Mitmachen und Einfluss nehmen! Macht macht Frauen nicht hässlich!


Gabriele Erlewein-Hügel

Stadträtin in Heilbronn

Informationen zur Biografie

Mitglied im Vorstandskollektiv der Jusos Ende der 1960er Jahre
Alternierend Vorsitzende im „Ring politischer Jugend“
Stadträtin in Heilbronn von 1971 – 1989
Stv. Fraktionsvorsitzende von 1979 – 1989
Während dieser Zeit Delegierte in politischen Gremien (Kreisverband, Kreisvorstand der SPD Heilbronn, Ortsverein Sontheim)

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Es waren die Anfänge der 68er Bewegung, die mich politisiert haben: Abbau überkommener hierarchischer Strukturen, gerechtere Verteilung der Einkommen und damit der Wunsch nach gesellschaftlichen Veränderungen. Demokratisierung der Gesellschaft, Verantwortung gegenüber Beschäftigten und faire und gerechte Bezahlung der MitarbeiterInnen in Konzernen und Unternehmen. Für ein friedliches Miteinander der Völker, gegen Ausbeutung und Gewalt in der „Dritten Welt“. So kam ich zu den Jungsozialisten und wurde aktives Mitglied und später Mitglied im Vorstandskollektiv.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

In der Partei sah ich mich als Frau gleichberechtigt, sofern es keine „Konkurrenz“ zu männlichen „Mitbewerbern“ gab. Als junge Frau, die mit 23 Jahren 1971 in den Gemeinderat der Stadt Heilbronn gewählt wurde, war es für mich nicht einfach, mir politisches Gehör zu verschaffen. Die Altersspanne war erheblich und Frauen mangelhaft im Gremium vertreten. Es bedurfte Hartnäckigkeit und Durchsetzungswillen, um eigene Ideen einzubringen und diese auch durchzusetzen. Meine Erfahrung war, dass Frauen sich in besonderer Weise engagiert und beherzt und mit viel Fleiß und Sorgfalt den  verschiedensten Aufgabengebieten stellen mussten, um Aufmerksamkeit und Anerkennung für die Durchsetzung ihrer Belange zu erlangen.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Eine großartige Errungenschaft. Unseren Vorkämpferinnen sei Dank für diesen Erfolg, für ihren mutigen und unerschütterlichen Einsatz für das Wahlrecht für Frauen. Frauen aus allen Schichten konnten wählen und ihre Stimme erheben. Dies war ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg zur Emanzipation. Diese Frauen waren damit Wegbereiterinnen für den langen Weg bis zur gesetzlichen Gleichstellung der Frauen heute in unserer Zeit. Daraus erwächst die Verantwortung, die Gleichstellung von Frauen permanent und uneingeschränkt in unserer heutigen Gesellschaft einzufordern.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Die politische und soziale Demokratisierung der Gesellschaft vorantreiben.
Die Einhaltung der vom Gesetzgeber verankerten Rechte zur Gleichstellung einfordern und kontrollieren.
Voraussetzungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf ausbauen.
Auf Solidarität. der Völker untereinander hinwirken mit Blick vor allem auf Chancen für Frauen in benachteiligen Ländern.
Ökologische und ökonomische Herausforderungen thematisieren.


Lena (Helene) Khuen-Belasi

geb. 1948 in Brixen (Italien), politisch aktiv in Karlsruhe

Informationen zur Biografie

Mitglied der Landesvertretung der kommunalen Ausländervertretungen Baden-Württemberg (LAKA) seit 2016
seit 2015 stellvertretendes Mitglied des Migrationsbeirats der Stadt Karlsruhe
seit 2015 Mitglied des Landesausschusses Migration und Integration (LAMA) der GEW Baden-Württemberg

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

In unserem Elternhaus in Südtirol wurde immer schon auch politisch diskutiert: Die Großmutter mütterlicherseits war Russin, 1921 mit ihrem aus Russland heimkehrenden österreichischen Ehemann ins Königreich Jugoslawien eingewandert. Der Vater hatte als 17-jähriger die Ostfront im Zweiten Weltkrieg erlebt. Daher waren Weltkriege und was sie anrichten und der Ost-West-Konflikt und die italienische  Minderheitenpolitik in Südtirol ständige Anlässe zu Debatten.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

1968 hat mich stark geprägt. Fachschaftsvertretung, Flugblätter schreiben, demonstrieren, für eine Nacht das Institut für Politikwissenschaft besetzen … Nachhaltig war mein Engagement im AK Ausländer in der Tübinger SPD: Dort haben Frauen und Männer miteinander ganz praktisch an einem Strick gezogen und praktische Sozialarbeit mit politischer Aufklärung verbunden.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Wenn ich mir klar mache, dass meine Mutter noch ihren Mann hätte fragen müssen, ob sie arbeiten darf, dann steht die Bedeutung des Frauenwahlrechts außer Frage.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Die vielleicht wichtigste Aufgabe ist die, ob und wie partnerschaftlich gestaltete Erziehung, Beruf und gesellschaftliches Engagement vereinbart werden können. Es geht nicht nur um Stundenpläne, sondern um die Frage, ob achtsam gestaltete Entwicklung von Bindung und Beziehung zu Mitmenschen und Umwelt als Parameter den gleichen Rang erhalten können wie ökonomische Kennzahlen.


Margret Dotter

geb. 1952 in Linköping, Schweden (schwedische Staatsbürgerin), lebt in Heidelberg, 1991 – 1995 Vorsitzende des Ausländerrats Heidelberg, 1999 als erste nicht-deutsche EU-Bürgerin in den Heidelberger Gemeinderat gewählt

Informationen zur Biografie

Seit 1996: Geschäftsführerin von Viking Communication. Intercultural Training.
Seit 2000: Lektorin für Schwedisch und Leiterin der schwedischen Sektion am Zentralen Sprachlabor der Universität Heidelberg

Politische Tätigkeiten auf kommunaler Ebene in Heidelberg von 1990 bis 2014:
Vorsitzende des Ausländerrates der Stadt Heidelberg (AR) 1991-1995
Engagement in der Europa Union Deutschland, Kreisverband Heidelberg seit 1992: von 1992 – 2010 Vorsitzende (erste Frau und erste nicht-deutsche Amtsinhaberin)
Vorsitzende der Deutsch-Schwedischen Gesellschaft Heidelberg e.V. seit 1997
OB Kandidatur 1998
Stadträtin im Gemeinderat der Stadt Heidelberg 1999-2014
Engagement in der CDU seit 1999: von 1999 – 2014 Vorstandsmitglied des CDU Kreisverbandes Heidelberg; Leitung des Stadtbezirksverbands Handschuhsheim von 2002 bis 2006.
Verleihung der Bürgerplakette der Stadt Heidelberg 2016

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Das Streben nach Gerechtigkeit war der Antrieb für mein politisches Engagement. In den verschiedenen Gremien habe ich für Toleranz, Humanität und Bürgernähe gekämpft.
Bei der Gründung des Ausländerrates der Stadt Heidelberg im Juni 1990 wurde ich von der ausländischen Bevölkerung zum Mitglied dieses Gremiums und später auch zu dessen Vorsitzenden gewählt.
Die 90er Jahre waren in Deutschland von der Asylproblematik geprägt und es gab in mehreren Städten Ausschreitungen gegen Asylbewerberheime, teilweise mit tödlichen Folgen (Mölln, Solingen, Hoyerswerda…). Dies waren meine Sturm-und-Drang-Jahre! Damals war das Thema Integration ganz neu und – anders als heute - gab es viel Gegenwind für unser Engagement, sowohl in der Bevölkerung, als auch bei der Stadtverwaltung. Als Vorsitzende des ARs setzte ich mich aber öffentlich mit Nachdruck für die berechtigten Interessen der Asylbewerber ein, warb aktiv für Toleranz und Akzeptanz. Einer der Höhepunkte unserer Aktivitäten war es, sehr viele Heidelberger Institutionen und Organisationen zu einer langen Lichterkette als Solidaritätsakt zu mobilisieren. Es war die größte friedliche Demonstration in Heidelberg seit Kriegsende 1945.
Mit der Umsetzung des Vertrags von Maastricht erlangten EU-Bürger das aktive und passive Wahl­recht zu kommunalen Wahlen in ihrem Gastland. Schweden ist 1995 der EU beigetreten und dieses Recht galt also auch für mich. Um diese große Errungenschaft selbst mit Leben zu erfüllen und den Mitmenschen bekannt zu machen, kandidierte ich 1998 mit der von mir gegründeten „Internationale Liste Heidelberg“ zur Oberbürgermeisterin. Obgleich der Gewinn des Mandats aussichtslos war, hatte die Geste meiner Kandidatur und mein „Schwingen der Europäischen Fahne“ ihren Zweck erfüllt und viele EU-Bürger zu politischem Engagement in ihrer Wahlheimat Heidelberg und speziell zur Wahlteilnahme bewegt.
Bei der Gemeinderatswahl 1999 setzte mich die CDU dann auf einen prominenten Platz ihrer Liste. Obgleich bei fast allen politischen Gruppierungen EU-Bürgerinnen und EU-Bürger antraten, wurde ich als einzige nicht-deutsche EU-Bürgerin in den Heidelberger Gemeinderat gewählt und wurde 2004 und 2009 jeweils wiedergewählt. Im Gemeinderat lag der Schwerpunkt meiner Arbeit in der Integrations-, Gleichstellungs-, Schul-, Jugend-, und Umweltpolitik. Aus gesundheitlichen Gründen entschloss ich mich, nach 15 Jahren nicht mehr zu kandidieren.
Als offizielle Anerkennung für mein politisches Engagement wurde mir 2016 die Bürgerplakette der Stadt Heidelberg verliehen. Begründung der Stadt Heidelberg: „Margret Dotter setzte sich als Vorsitzende des Heidelberger Ausländerrates nachdrücklich für Toleranz ein und war ab 1999 für 15 Jahre ein aktives Mitglied des Gemeinderates. Sie war Vorsitzende des CDU-Stadtbezirksverbands Handschuhsheim und ist seit 2001 Mitglied des CDU-Kreisvorstandes. In der Organisation Europa Union Deutschland führte sie den Kreisverband Heidelberg. Als Vorsitzende der Deutsch-Schwedischen Gesellschaft Heidelberg e.V. engagiert sie sich seit 1997 für den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Schweden.“

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Im Ausländerrat der Stadt Heidelberg war es eine besonders große Herausforderung, mich als Frau durchzusetzen. Das Gremium hatte nämlich viele männliche Mitglieder aus Ländern mit sehr deutlichen Rollenverteilungen zwischen Mann und Frau.
Im Gemeinderat gab es mit 40 % Frauenanteil und einer Frau als Oberbürgermeisterin (bis 2006) kaum Probleme, als Frau aufzutreten.
In der CDU gab es eher Schwierigkeiten, als nicht-Deutsche und als Seiteneinsteigerin zu arbeiten. Als Frau spürte ich eher Rivalitäten und Konkurrenz von anderen Frauen.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Es erinnert uns mit Dankbarkeit an den Kampf von couragierten Frauen, die ohne bürgerliche Rechte sich beharrlich und unermüdlich gegen Diskriminierung von Frauen engagierten. Heute geht es darum, den Kampf dieser mutigen Frauen bis zur tatsächlichen Gleichberechtigung weiterzuführen… denn die haben wir immer noch nicht. 

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Wir können nicht erwarten, dass Dinge sich automatisch ändern. Von der damaligen Frauenbewegung können junge Frauen heute lernen, dass der organisierte Kampf gegen Ungerechtigkeiten erfolgreich sein kann. Wenn sich Menschen in einer Sache zusammenschließen, können sie ihrer Stimme Gehör verschaffen. Junge Frauen sollen an ihre Vision glauben, zielorientiert arbeiten und sich von Ihrer Begeisterung und ihrem Enthusiasmus tragen lassen!


Nevriye Cerit

geb. 1962 in Ergani (Türkei), lebt in Mannheim

Informationen zur Biografie

leistet seit langem soziale, kulturelle und gewerkschaftliche Freiwilligenarbeit
Bürgermentorin Mannheim

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Schon als Kind hatte ich bemerkt, dass Jungen Mädchen vorgezogen wurden und man uns bestimmte Geschlechterrollen aufzwang. Das verstand ich damals noch nicht, habe aber trotzdem gegen diese Zuschreibungen angekämpft und versucht zu zeigen, dass Mädchen bzw. Frauen genauso wertvoll sind wie Männer.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Ich habe erlebt, dass ich als Einzelne nichts erreichen kann, keines meiner Ziele. Vielmehr müssen wir Frauen gemeinsam für unsere Ziele kämpfen.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Wir Frauen müssen uns bei niemandem für unser Wahlrecht bedanken. Für mich ist das Wahlrecht genauso natürlich wie das Recht auf Wasser und Brot - dies sind Menschenrechte. Wir Frauen mussten lange kämpfen, um dieses Recht zu erhalten.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Frauen und Männer sind heute gleichberechtigt, zumindest entsprechend der Verfassung. In der Praxis ist die Gleichstellung aber noch nicht ganz angekommen, die Chancengleichheit in vielen gesellschaftlichen Bereichen nur theoretisch gegeben. In der Politik und Wirtschaft ist eine geschlechtergerechte Repräsentation noch längst nicht erreicht. Auf dem Arbeitsmarkt gibt es weiterhin deutliche Einkommensunterschiede und noch immer tragen Frauen den weitaus größten Teil der (unbezahlten) Hausarbeit und Kindererziehung. Daher besteht eine politische Aufgabe für junge Frauen darin, die Gleichstellung aktiv voranzubringen, damit das Grundrecht auf Gleichberechtigung Wirklichkeit wird - im privaten und öffentlichen Leben.


Dr. Monika Stolz

geb. 1951 in Worms Gemeinderätin in Ulm, Landtagsabgeordnete, Staatssekretärin, Ministerin für Arbeit und Soziales, Familie und Senioren

Informationen zur Biografie

1989 – 2005 Gemeinderätin und Ortschaftsrätin in Ulm,
1991 – 1999 Vorsitzende der CDU-Gemeinderatsfraktion Ulm
2001 – 2016 Landtagsabgeordnete,
2002 – 2005 stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU-Landtagsfraktion
2005 – 2006 Staatssekretärin im Ministerium für Bildung und Sport
2006 – 2011 Ministerin für Arbeit und Soziales, Familie und Senioren
Begleitend lange Jahre in Kreis-und Bezirksvorstand der CDU

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Der Wunsch in die Politik zu gehen, ergab sich aus der eigenen Betroffenheit als berufstätige Mutter von vier Kindern:  Nicht meckern, sondern mitarbeiten, dass sich etwas ändert. Als Elternbeirätin, Ortschaftsrätin und Gemeinderätin konnte ich ganz konkret vor Ort in allen Feldern der Kommunalpolitik mitgestalten. Als Landtagsabgeordnete und Ministerin hat die Mitarbeit an vielen Projekten und politischen Entscheidungen – bei aller notwendigen mühsamen Arbeit in den demokratischen Prozessen – sehr viel Freude gemacht.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Viele gute Erfahrungen habe ich in der Zusammenarbeit mit Frauen gemacht: Es ging meist alleine um die Sache! Allgemein: Frauen, die als Konkurrentinnen wahrgenommen werden, werden meist mit höheren Ansprüchen an die „Kompetenz“ und mit anderen Kriterien beurteilt als Männer. Ein Beispiel unter vielen: Ist ein Mann „zielstrebig“ wenn er etwas erreichen will, ist die Frau eher „verbissen“. Aber: Wer seinen Weg geht, die Mechanismen von Macht und Netzwerken versteht und durchschaut, der kann getrost darüber hinwegsehen und mit vielen Männern wie Frauen die Themen voranbringen, die ihnen wichtig sind.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

100 Jahre Frauenwahlrecht ist einerseits eine pure Selbstverständlichkeit, leider noch nicht überall. Es ist andererseits mit einem herzlichen Dank an alle Frauen und Männer verbunden, die das bei uns bewirkt und unumkehrbar gemacht haben.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Die politischen Aufgaben für junge Frauen unterscheiden sich nicht von den Aufgaben der Männer: In unserer Demokratie gemeinsam Verantwortung für das Wohl der Bürgerinnen und Bürger, der Stadt und des Landes zu übernehmen. Dabei können (und sollten!) Frauen die Bedürfnisse und Sichtweisen aus der Lebenswelt von Frauen kompetent und authentisch einbringen  (z.B. in der Stadtplanung, bei der Ausbildung, in der Arbeitswelt, in der Sorge um Kinder und Pflegebedürftige).


Asli Kücük

geb. 1976 in Lörrach, Integrationsrätin in Tübingen

Informationen zur Biografie

Studium der Politik- und Islamwissenschaft
seit 2014 Integrationsrätin in Tübingen
seit 2015 im Team-meX (Mit Zivilcourage gegen Extremismus) der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg tätig.

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Keine leichte Frage. Politisch engagiert war ich schon immer. Warum passiert was, wann, wo, wer etc. Als Frau mit Migrationsgeschichte habe ich relativ schnell Defizite entdeckt. Defizite, als Frau sichtbar zu werden und Defizite als Mensch mit Migrationsgeschichte sichtbar zu werden. Also habe ich selbst Räume geschaffen, im Sport, in der Kultur und eben auch im politischen Bereich. Zunächst eher als informierende Veranstalterin oder Teilnehmende. Relativ schnell wurde ich angesprochen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, mich für ein politisches Amt zu bewerben. Gesagt, getan. Jetzt ist es so. Und das ist gut so. So ist es mir möglich meine politischen Interessen in einem formalen Rahmen klarzustellen.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Eine spannende Frage, die ich versuchen werde genauso spannend zu beantworten. Mal so und mal so. Hochs und Tiefs. Ich bin politisch aktiv in „Tübingen“. Also berichte ich von meinem Mikrokosmos: Es ist nicht einfach. Der Tübinger Gemeinderat ist weiß, männlich-dominiert und durchschnittlich insgesamt eher älter. Das spiegelt leider nicht die Tübinger Stadtgesellschaft wieder. Also bleiben manche Frauen mit den Dingen, die ihr gesellschaftspolitisches Leben betrifft, unsichtbar. Das betrifft insbesondere nicht-erwerbstätige Frauen, alleinerziehende Mütter, Frauen, die möglicherweise (noch) Sprachbarrieren haben etc. Es gibt nicht so viele Repräsentant*innen in den Gremien, die sich in diese Frauen reinversetzen und ihre Interessen hinreichend vertreten können.
Frauen sind immer noch auf allen Ebenen benachteiligt. Auf individueller, struktureller und diskursiver Ebene. So nehmen bspw. Redebeiträge männlicher Kommunalpolitiker nicht nur mehr Raum ein, sondern werden auch mehr wahrgenommen – sei es in den Gremien selber, oder in der Öffentlichkeit. Es ist die Aufgabe der Politik diese Benachteiligungen schnellstmöglich abzuschaffen, wie beispielsweise ungleiche Löhne, mehr Frauen in Führungspositionen und mehr Frauen in der Kommunalpolitik.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Wahlrecht für wen? Für alle Einwohner*innen oder für alle Bürger*innen? Wer darf was bestimmen und seit wann? Einwohner*innen würde bedeuten, auch diejenigen ohne deutsche Staatsangehörigkeit, Bürger*innen eben nur diejenigen, welche die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Was bringt eine Kommune weiter? Wenn alle, die da wohnen, mitbestimmen dürfen oder nur diejenigen mit deutschem Pass? Ich glaube, dass auf kommunaler Ebene die Zukunft liegt. So scheint es mir ein Nachteil, dass manche Frauen weder mitentscheiden können, wer in die Gremien gewählt wird, noch dass sie selbst in diese Gremien gewählt werden können. Die Forderung sollte nicht nur lauten: „Mehr Frauen in die Gremien“, sondern auch mehr Menschen in die Gremien, die die Vielfalt der Kommune widerspiegeln.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

An aller erster Stelle die große Frage der Partizipationsmöglichkeit. Wer gehört dazu und wer nicht. Schaffen wir es gesamtgesellschaftlich alle so anzusprechen, dass sich wirklich auch alle gleichwertig angesprochen fühlen? Beispielsweise vermisse ich relativ häufig eine einfache Sprache, so dass mehr Menschen mitreden können.
Hinzu kommt die Herausforderung, eigene internalisierte Diskriminierungserfahrungen, welche sich auf das eigene Geschlecht, oder die Herkunft beziehen, zu überwinden ohne dabei gesetzte politische Ziele aus den Augen zu verlieren. Frauen müssen sich gegenseitig unterstützen und gefördert werden, um sich stärker gesellschaftlich und politisch zu engagieren.
Es müssen Strukturen und Maßnahmen geschaffen werden, damit Alleinerziehende, Eltern und Erwerbstätige ihr Engagement mit Familie und Beruf vereinbaren können. Damit zukünftig mehr jüngere Frauen und Männer in den Gremien vertreten sind.


Erika Karlinger

geb. 1926 in Ulm, ehemalige Gemeinderätin in Ulm

Informationen zur Biografie

Beruf: Bankangestellte
1975 – 2004 Gemeinderätin in Ulm
2004 nochmals gewählt, gibt kurz danach das Amt auf, um ihren Mann pflegen zu können

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Der Anstoß dafür kam von anderen. Bei der Bank, bei der ich die Lehre gemacht habe, war ich auch im Betriebsrat und daneben auch noch im Elternbeirat der Stadt. Insofern war ich vielleicht ein bisschen bekannt, doch mein Mann war der Bekanntere, weil er in einer großen Druckerei Betriebsratsvorsitzender war und daneben örtlicher Vorsitzender der Gewerkschaft Druck und Papier. Er war eigentlich von seiner Natur her der Aktivere, ich immer an seiner Seite. Er warb in seinen Gremien immer darum, dass die Männer ihre Frauen in die Sitzungen und Veranstaltungen mitbringen, weil er wollte, dass die Frauen das Engagement ihrer Männer mittragen. Und so bin ich schon etwas mit eingebunden gewesen.
Dann standen Wahlen an und nach dem Gottesdienstbesuch an einem Sonntagmorgen kam der damalige Bundestagsabgeordnete Werner auf uns zu und sagte: „Ich habe etwas mit euch beiden vor – einer von euch beiden könnte bei den anstehenden Gemeinderatswahlen auf unserer Liste kandidieren! Mein Mann sagte: „Ich bin überzeugt, dass mehr Frauen für diese notwendigen Arbeiten bereit sein sollten. Erika, das wäre was für dich! Du solltest kandidieren.“ Herr Werner sagte, das sei eine gute Idee. Ich meinte, diese Ebene sei zu hoch für mich. Doch Herr Werner meinte, ich solle mitmachen, eine Kandidatur heiße ja nicht, dass ich dann auch auf Anhieb gewählt werden würde. Ich zögerte noch, doch der Abgeordnete meinte, er würde sich wirklich sehr freuen, wenn ich mich bereit erklären würde, auf der CDU-Liste zu kandidieren. Und das war der Punkt, wo ich dann ja sagte, denn bei 40 Leuten auf der Liste würde ich ja sicher nicht gleich gewählt werden. Und so fing es an.
Durch die folgenden Veranstaltungen und Sitzung ist dann mein Interesse gewachsen und ich wurde aktiver und wurde immer wieder auch von Freunden und Bekannten ermuntert, die Sache ernst zu nehmen. Bei mir war aber immer noch im Kopf, ich werde ja nicht gleich gewählt. Doch im Wahlkampf waren wir schon aktiv, und überzeugt, dass Frauen mehr bereit sein sollten. So kam der Wahltag und als die Stimmen ausgezählt wurden, war ich auf Platz 16! Von Listenplatz 40 auf 16! Die CDU hatte aber nur 15 Sitze gewonnen. Doch ein Kandidat hatte einen schweren Unfall gehabt relativ kurz vor der Wahl. Nach der Wahl hieß es dann: Frau Karlinger ist Nachrückerin, weil der Herr Soundso nicht antreten möchte bzw. kann wegen des Unfalls – und somit war ich drin! Ich hatte doch nicht gedacht, dass ich jetzt schon reinkomme! Es war eine große Überraschung und für mich war nie der Gedanke dagewesen, dass es tatsächlich ernst wird. Mein Mann war ja immer der Aktivere, hatte Ämter inne und jetzt bekam ich auch eine Position, vor der ich ein bisschen Respekt hatte. Ich habe das dann aber einfach innerlich akzeptiert. Wir waren zwei Frauen, die in die CDU-Fraktion gewählt wurden. Meine Kollegin war Kindergärtnerin, ich war bei einer Bank beschäftigt. Ja, und so suchten wir beiden Frauen den Kontakt miteinander.
Das ging dann so ganz gut, für mich war es neu, ich musste bei der Bank halt immer fragen, wenn ich wegmusste. Es war damals noch nicht leicht. Ich habe jede Stunde aufgeschrieben und nachgearbeitet, obwohl man mir dann irgendwann gesagt hat, das müsse ich nicht. Meine Gemeinderatskollegin hatte besondere Schwierigkeiten. Denn schriftliche Arbeiten kann man liegenlassen und am nächsten Tag erledigen, wenn man mit Kindern arbeitet, geht das nicht. So hat sie nach einem Jahr oder nach zwei Jahren gesagt: Ich schaff‘ das nicht und ich möchte das auch nicht mehr. Für mich war das sehr schade, der nächste auf der Liste war ein Mann, und somit war ich dann die einzige Frau in der CDU-Fraktion.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Ich muss sagen, es waren positive Erfahrungen. Ich bin respektiert worden und geachtet. Mit der Zeit konnte ich auch meine Meinung sagen und in die Diskussion einbringen – also ich hatte schon ein gutes Gefühl. Durch meine Haltung und mein Auftreten wurde ich respektiert und ich konnte durchaus etwas einbringen.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Es war und ist mit Sicherheit notwendig, dass mehr Frauen zu Mitarbeit und zu Mitverantwortung bereit sind. Aber schon damals, als die Diskussion um eine Quotierung aufkam, da habe ich mich dagegen ausgesprochen, weil ich das nicht gut finde. Ich finde, das muss wachsen und ich denke auch, dass immer mehr Frauen zur Mitarbeit bereit sind, sich mehr aktivieren. Aber auch wenn ich die Notwendigkeit sehe, dass mehr Frauen in die Politik sollen, dann müssen auch mehr Frauen bereit sein, entsprechend zu wählen. Auch daran hapert es ja. Ich finde, das alles muss wachsen, das Bewusstsein muss wachsen, und mehr Frauen sollen sich auch selber einbringen wollen.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Ich habe mir da schon früher öfter Gedanken gemacht, und eine Antwort ist nicht leicht. Es sind heute mehr Frauen bereit, Verantwortung zu tragen. Aber manchmal denke ich, Frauen und Männer sollten auf einer guten gemeinsamen Ebene, nicht gegeneinander, sondern mehr füreinander da sein – es fehlt ein bisschen das Füreinander das vom Inneren her kommt.


Wilma Giesemann-Fuchs

geb. 1928, ehemalige Gemeinderätin in Leonberg

Informationen zur Biografie

Geboren 1928
Geburtsort: Stuttgart-Zuffenhausen
1975 – 1994 für die SPD im Gemeinderat Leonberg

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Ich war Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt in Leonberg und war durch die Organisation von Stadtranderholungen bekannt wie ein bunter Hund. Ich wurde gefragt, ob ich nicht für die SPD kandidieren würde und wurde mit gutem Ergebnis in den Gemeinderat gewählt.
Kandidiert habe ich, weil ich fand, dass zu wenige Frauen im Gemeinderat sind – wir sind ja die Hälfte der Menschheit und müssen doch auch unsere Sicht einbringen!

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Ich bin schon akzeptiert worden, habe aber oft genervt. Ich wollte zum Beispiel unbedingt in den Planungsausschuss und nicht in den Sozialausschuss, wo mich meine Kollegen gerne haben wollten. Der Grund war, dass mein Hauptanliegen die Einrichtung von Kinderspielplätzen war und der Planungsausschuss das entscheidende Gremium war, um solche Dinge durchzusetzen. Daneben war ich auch im Ausländerbeirat. Mit anderen Frauen und der SPD-Fraktion, die damals die Mehrheit im Gemeinderat stellte, habe ich durchgesetzt, dass die Stelle einer Frauenbeauftragten eingerichtet wurde, gegen Widerstände. So meinte ein CDU-Stadtrat: „Wenn wir sowas haben, dann laufen die Frauen von ihren Männern ja noch schneller weg!“

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Mit dem Wahlrecht 1919 war es längst nicht getan, aber es war ein Anfang in Bezug auf die Gleichberechtigung. Als ich in den Gemeinderat gewählt wurde, war es mit der Gleichberechtigung noch nicht so weit her, wenn man sich etwa das damalige Familienrecht anschaut.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Junge Frauen wissen oft nichts über die Situation von Frauen in der Vergangenheit. Deshalb wäre es wichtig, wenn in den Schulen mehr gesagt würde darüber, was die Frauen damals alles geleistet haben.


Ostermeyer, Sigrid

geb. 1928 in Köln, ehemalige Gemeinderätin in Biberach

Informationen zur Biografie

Zahnärztin
1975 – 1989 Gemeinderätin in Biberach für die Wählervereinigung Unabhängige Bürger

Was hat Sie bewogen, sich politisch zu engagieren?

Der übliche Spruch: Man darf nicht nur meckern, man muss auch was tun! In Biberach stand damals der Bau der Stadthalle bevor, und alle Befürchtungen, die wir hatten, haben sich als berechtigt erwiesen. Es hat sich eine Gruppe gebildet und ich wurde gefragt, ob ich kandidieren wolle. Ich habe Ja gesagt – denn man kann nicht nur dagegen sein, man muss auch was tun.

Welche Erfahrungen haben Sie als Frau in der Politik gemacht?

Nun, wir hatten es als Frau einfach schwer. In meiner Gruppierung – wir waren sieben Leute - nicht, aber im Gemeinderat als solchem schon. Ein kleines Beispiel: Der Ratssaal befand sich in einem Fachwerkhaus, er war einfach zu klein. Ich habe den Vorschlag gemacht, ihn um einen Sequester, oder wie das heißt, zu vergrößern. Da hat ein Zimmermann von der CDU sehr freundlich gesagt: Ach, Frau Ostermeyer, das geht doch gar nicht, das kann man doch gar nicht machen! Der hat nicht eine Sekunde überlegt als Fachmann. Aber man hat es dann doch gemacht – und über die Reaktion dieses Herrn muss ich heute noch lachen.
Wir waren drei oder vier Frauen im Gemeinderat, aber ich war die einzige damals im Bauausschuss. Bauen, das war ein Feld, für das ich mich schon seit Kindheit interessiert habe.

Was bedeutet für Sie 100 Jahre Frauenwahlrecht?

Sehr viel, das ist enorm wichtig! Meine Mutter wollte Ärztin werden, aber ihre Eltern meinten, das sei nicht gut für ihre Tochter und sie bekam dann eine Gesangsausbildung bei einer Kölner Opernsängerin. Aber die um acht Jahre jüngere Tochter, die durfte dann schon in Berlin Musik studieren. Und ich selber bin Zahnärztin. Für meinen Vater war das selbstverständlich, da wurde gar nicht darüber geredet. Wir waren vier Töchter. Es war wichtig, dass jede einen Beruf bekam, der sie im Notfall ernähren würde. Mein Vater hat zwei Kriege miterlebt, mit allen Entbehrungen; deshalb war das für ihn wichtig.

Was meinen Sie, vor welchen politischen Aufgaben junge Frauen heute stehen?

Es gab früher oft die Haltung, auch von Frauen: Muss die denn auch noch in den Gemeinderat? Davon ist auch heute noch ein bisschen da. Was ein Problem ist, ist das Machogehabe vieler Männer, die ja alles immer besser wissen. Das war einer der Gründe, wieso ich nach 14 Jahren müde war und aufgehört habe. Es nützt Ihnen nichts, wenn Sie sagen, diesen Antrag habe ich ja schon vor drei Jahren gestellt! Ich glaube nicht, dass sich das wesentlich geändert hat. Die höheren Positionen sind ja immer noch in Männerhand. Bürgermeisterinnen sind selten – Frau Roth in Frankfurt war eine Ausnahme, ein leuchtendes Beispiel. Frauen, die sowas machen, die müssen sehr stark sein, stärker als ein Mann an einer derartigen Stelle. Und das wird einige Frauen davon abhalten, einen solchen Weg einzuschlagen, vor allem, wenn sie eine Familie haben. Für einen Mann ist eine Familie zu haben, kein Problem – für eine Frau schon.